Wirtschaft : Ermittlungen bei Schering

Die Finanzaufsicht hat Hinweise auf Insiderhandel. Ins Auge fallen Kursbewegungen vor der Übernahme des Berliner Pharmakonzerns

Henrik Mortsiefer,Maren Peters

Berlin - Die Finanzaufsicht hat konkrete Hinweise, dass es bei der Übernahme von Schering durch Bayer zu illegalen Aktiengeschäften gekommen ist. „Wir haben eine formale Untersuchung wegen Insiderhandels mit Schering-Aktien eingeleitet“, sagte eine Sprecherin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) am Donnerstag dem Tagesspiegel. Gegen wen ermittelt werde, sagte sie nicht. „Es kann sich um Schering-Mitarbeiter handeln, muss es aber nicht.“ Auch Merck- oder Bayer-Mitarbeiter sowie Wirtschaftsprüfer, Anwälte oder Berater kämen infrage.

Der Hintergrund: Schon bevor der Darmstädter Konkurrent Merck am 13. März 2006 sein Übernahmeangebot für Schering veröffentlichte – was Bayer am 23. März zu seiner eigenen Offerte veranlasste – beobachteten die Finanzaufseher ungewöhnliche Handelsbewegungen. Der Verdacht: Insider, die von den bevorstehenden Übernahmeangeboten wussten, deckten sich vorab mit Schering-Aktien ein, um von den erwarteten Kursgewinnen zu profitieren.

Diese womöglich illegalen Geschäfte gingen auf. So stieg die Schering-Aktie in der Woche vor dem 13. März an drei Tagen um neun Prozent, am Tag des Übernahmeangebots sprang der Kurs dann um mehr als 16 Prozent auf 84,38 Euro. Am 23. März stand sie bei 84,97 Euro. Allein in der Zeit vom 6. bis 23. März stieg die Schering-Aktie so um knapp 40 Prozent. Am gestrigen Donnerstag stand das Papier zum Schluss bei 102,14 Euro.

„Die Kursbewegungen sind uns schon damals aufgefallen, nun haben wir Anhaltespunkte, dass es illegale Geschäfte gab“, sagte die BaFin-Sprecherin. Die Untersuchung könne einige Wochen bis Monate dauern. Die Behörde muss Kursverläufe und Umsätze analysieren, die die Banken regelmäßig an die Aufsicht melden.

Dass Schering-Manager auch ganz legal vom Übernahmepoker profitierten, zeigen die vom Berliner Pharmakonzern gemeldeten Aktienverkäufe und -käufe des Managements. Insgesamt 25 meldepflichtige Wertpapiergeschäfte listet das Unternehmen für das Jahr 2006 auf. Der Aufstellung ist zu entnehmen, dass Schering-Vorstandsmitglieder privat erfolgreich mit ihren Aktien spekulierten – obwohl sie öffentlich frühzeitig für die Annahme des Bayer-Angebots plädierten.

Vorstandschef Hubertus Erlen verdiente 2006 auf diesem Wege durch geduldige Spekulation insgesamt 1,6 Millionen Euro allein durch Aktienverkäufe. Er stieß Schering-Papiere erst am 9. Mai sowie am 8. und 26. Juni ab – obwohl der Vorstand Bayers Angebot schon zwei Monate vorher offiziell begrüßt hatte.

Auch die Ex-Vorstände Karin Dorrepal, Ulrich Köstin, Rainer Metternich und Jörg Spiekerkötter spekulierten noch bis Ende Juni – und verdienten kräftig. Ex-Forschungsvorstand Marc Rubin, in gleicher Funktion heute bei Bayer Schering Pharma, machte sich kurz vor Weihnachten ein Geschenk, indem er Schering-Aktien am 14. Dezember zum Stückpreis von 89,36 Euro (insgesamt 303 824 Euro) an Bayer abtrat.

Die Unternehmen selbst wussten nach eigenen Angaben am Donnerstag noch nichts von der Bafin-Prüfung. „Uns ist keine Untersuchung bekannt“, sagte Schering-Sprecher Oliver Renner dem Tagesspiegel. Sprecher von Bayer, Merck sowie der Investmentbank Morgan Stanley, die Schering beraten hatte, wollten die Vorgänge gestern auf Anfrage nicht kommentieren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei dem großen Kurssprung im Vorfeld des Übernahmeangebots für Schering Insiderhandel gegeben habe, sei relativ groß, sagte Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Er befürchtet, dass das Problem Insiderhandel in Deutschland unterschätzt wird. „Es gibt eine große Grauzone.“ Zu viele Menschen hätten bei großen Übernahmen Zugang zu internen Informationen. Der SdK-Sprecher forderte die Bafin auf, bei Verdacht auf Insiderhandel schneller und intensiver zu prüfen, räumte aber ein, dass entsprechende Transaktionen durch die Aufsichtsbehörden nur schwer nachzuvollziehen sind.

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