Wirtschaft : Erna Gollmer

(Geb. 1918)||Sie ging jeden Tag ins Gefängnis, um dort Klavier zu spielen.

Ariane Bemmer

Sie ging jeden Tag ins Gefängnis, um dort Klavier zu spielen. Wer zu Zeiten, in denen Erna Gollmer Kind war, schuldig wurde, geriet an einen Justizapparat, der auf Rache statt auf Besserung sann. In schmale Zellen wurde er eingesperrt, aus denen es nur kurze Ausflüge in den Hof gab oder in die Anstaltsfabriken. In Plötzensee klagten Gefangene über jammervolle Kost, auf Treppen und Gängen wurde geschlagen und geprügelt. Tegel war ein stinkender Koloss, es gab, so wird berichtet, keine Wasserklosetts, nur allmorgendliche Kübelleerungen. Im Frauengefängnis wurden die Verurteilten, viele von ihnen Prostituierte oder Trinkerinnen, von Aufseherinnen geschlagen, missbraucht.

Wie würde sich das im Laufe ihres Menschenlebens ändern! Wie nah würde Erna Gollmer dieser Verwandlung sein – und wie wenig sich dafür interessieren.

Mehr als 60 Jahre lang hat Erna Gollmer in Berliner Frauengefängnissen, die bald hierhin, bald dahin umzogen, Gottesdienste auf dem Harmonium und dem Klavier begleitet, sie hat den Inhaftierten das Spiel auf Klavier und Gitarre beigebracht. Sie hat ihnen, wenn sie schlechter Dinge waren, einfach etwas vorgespielt.

Man glaubt es kaum, aber es ist wahr,

was anno 1943 Karfreitag geschah.

Ein Fräulein vom Konservatorium

wird gebeten,

den Organisten im Knast

beim Gottesdienst zu vertreten.

Das haben ihr die eingesperrten Schülerinnen zum 50. Jubiläum gedichtet. Auf sechs Schmuckpapierbögen haben sie mit säuberlichen Tintenstrichen Erna Gollmers Leben in Reimen aufgeschrieben.

Das Konservatorium: Gegründet 1850, geführt vom Juden Julius Stern, bis die Nationalsozialisten übernahmen. Erna Gollmer absolvierte die Meisterklasse, unterrichtete bis 1944. Nach dem Krieg wurde es das Städtische Konservatorium, bis es 1966 in die Hochschule für Musik überführt wurde.

Der Knast: das Gefängnis des Amtsgerichts Charlottenburg, Kantstraße 79. Das Gebäude, dessen Zellentrakte sich nach hinten durch bis zur nächsten Querstraße erstrecken, steht schräg gegenüber vom heutigen Amtsgericht Charlottenburg. Das Gefängnis ist längst geschlossen, in die Räume ist die Nachlassverwaltung gezogen. In den Zellen wurden Bücherregale aufgestellt, gut beheizt, alte Akten verstauben.

Am Karfreitag 1943 steht sie auf der Kantstraße und sucht den Eingang. Es ist laut, SA-Fahrzeuge patrouillieren. Schließlich findet sie eine Klingel. Man holt sie ab. Über Höfe, durch Tore wird sie geführt, ein schmales Treppenhaus hoch. Kleine Zellen drängen sich aneinander. Im Flur des zweiten Stocks hat man Stühle aufgestellt. Sie spielt auf dem Harmonium, der Pfarrer spricht. Später lernt sie, dass die Frauen mit den braunen Armbinden die zum Tode Verurteilten sind. Die hört sie schluchzen, und sie hört die Befehle der Wärter. Es ist bedrückend. Doch sie kommt wieder.

Erna Gollmer verrichtete ihre Arbeit erst im Dienst der Kirche, später als freie Mitarbeiterin der Berliner Gefängnisse. Verändert hat sie sich in den Jahren kaum. Sie war liebevoll, aber streng, fröhlich, aber nicht albern. Und sie achtete auf Disziplin. Bei sich und den anderen. Keine Kuscheleien mit den Inhaftierten, keine Bevorzugungen, keine Extrawürste. Dafür ein Karamellbonbon für jede Schülerin. Und Ostern Schokoladehasen.

Einmal fand sie im Gesangbuch

in der Tiefe,

von einer Gefangenen für Außen

drei Briefe.

Die gab sie der Frau zurück,

denn sie durchschaute schnell den Trick.

Nie fragte sie, wer was getan habe,wer warum im Gefängnis saß. Vielleicht deshalb nicht, weil sie ihre Antwort längst hatte: Von Gottes Gnaden sind wir, was wir sind. Das war ihre Überzeugung. Sie ist Klavierlehrerin geworden, andere Frauen wurden Diebin, Betrügerin oder Totschlägerin. Was sagt das allein schon über den Menschen aus?

Erna Gollmer ist bei der Mutter aufgewachsen, in Neukölln. Der Vater starb im Jahr ihrer Geburt den Soldatentod. Das Mädchen begeisterte sich früh für das Klavier der Mutter, übte so unermüdlich Tonfolgen und Melodien, dass die Mutter das Instrument über Nacht abschloss, um den Nachbarn ein paar ruhige Momente zu verschaffen. Sonntags half das Mädchen im Gottesdienst in der nahen Magdalenengemeinde aus. Glaube, Kirche, Jesus Christus, das beeindruckte die kleine Erna sehr. Und alles passte: Sie empfand ihre musikalische Begabung als Gabe Gottes, die sie wieder in seine Dienste stellte, indem sie damit Bedürftigen half.

Sie ging danach, oh Weh, oh Graus,

zur Barnimstraße in das Zuchthaus.

Die Menschen im Gefängnis empfindet Erna Gollmer als auf doppelte Weise eingesperrt. Physisch, in ihren Zellen. Und psychisch, wenn sie sich abkapseln, in sich selbst verkriechen. Ihre Musik hat oft geholfen. Die Sonaten, Romanzen, Klavierkonzerte von Mozart, Beethoven, Liszt, Chopin. Die Musik war auch soziales Werkzeug.

Nach dem Krieg änderte sich der Vollzug. Die Frauen waren nicht mehr den ganzen Tag in den Zellen eingesperrt, sondern nur noch auf den Stationen. Es gab jetzt Freizeitangebote, Sport und Musikunterricht. Es wurde „resozialisiert“.

Die meisten Frauen, die in den fünfziger Jahren hinter Gittern landeten, hatten gestohlen. In einer Arbeit zur Erlangung des medizinischen Doktorgrades aus den frühen Sechzigern wird ausgeführt, dass der einfache Diebstahl dem „Wesen der kriminellen Frau“ weitgehend entspreche. Er sei „eine primitive Greifhandlung, die zwar eine gewisse Gewandtheit und Unverfrorenheit voraussetzt, jedoch weder physische Kraft noch längere Vorbereitung erfordert“. In den siebziger Jahren kamen dann die Terroristinnen.

Erna Gollmer hatte ein strenges, kantiges Gesicht. Ihre langen grauen Haare waren straff im Nacken zum Dutt verknotet, auf manchen Fotos sieht sie aus wie ein Mann, auf einem, mit schiefem, lippenlosem Grinsen wie Robert de Niro. Sie trug immer denselben Mantel, sie hatte nur den einen, darunter blassfarbene Blusen, lange Röcke, stabiles Schuhwerk. Die Gefängnisse erreichte sie mit Bus und Bahn und unerbittlich pünktlich.

Inge Viett, Monika Berberich, Juliane Plambeck, Gabriele Rollnik, das waren prominente Gefangene in der JVA Lehrter Straße. Für Erna Gollmer waren sie diejenigen, die ihren Chor zerstörten. Bei den Proben im großen Aufenthaltsraum, in dem an anderen Tagen geturnt oder gebetet wurde, lagen die Terroristinnen auf dem Boden herum und riefen dazwischen. Das Aufsichtspersonal sah zu.

Nach einem Gottesdienst ergriffen

zwei Frauen die Flucht,

es wurde hinter Kirchenbänken

nicht gesucht.

Mit dem Gefängnisseelsorger in der Lehrter Straße betet Erna Gollmer vor den Gottesdiensten. Der Mann schätzt das, denn ihm ist mulmig, wenn es voll ist auf den Bänken. Er weiß, dass die Frauen nicht aus Frömmigkeit kommen, sondern um einander zu treffen. Wird es zu unruhig, spielt Erna Gollmer auf dem Klavier, bis es wieder still ist. Es gab nie Gezeter während ihres Spiel. Es war, als vertreibe die Schönheit der Musik alles Aufrührerische, Widerborstige.

Von der Lehrter Straße zog das Frauengefängnis nach Charlottenburg-Nord, bis es 1998 auf vier Standorte verteilt wurde. Für Erna Gollmer bedeutete das lange Wege. Montags Neukölln, dienstags Lichtenberg, mittwochs Pankow, donnerstags Reinickendorf. Und immer sonntags: Gottesdienste.

Wie viele Knäste haben Sie gesehen?

Wie viel Inhaftierte kommen und geh’n?

Widerstandslos gleitet der große doppelbärtige Durchgangsschlüssel der JVA Lichtenberg in das Schloss, eine Drehung, ein Knacken, dann schwingt die rote Eisengittertür leise auf und gibt den Weg frei auf einen dunklen Flur. Es riecht muffig. Hinter den Türen lagern Anstaltshandtücher und schwer entflammbare Bettbezüge.

Ungezählte Male ist Erna Gollmer mit festem Schritt hier langgegangen. In der einen Hand den Schlüssel, den sie abends wieder abgab. In der anderen ihre Tasche mit den Noten.

Immer noch eine Tür schwingt auf, über zwei runde, enge Stahltreppen schlängelt sich der Weg hinauf, noch mehr Türen, dann ist es plötzlich hell und weit. Drei Deckenbögen ragen kirchenhaft in die Höhe, rotes Linoleum leuchtet warm, Pflanzen stehen in den Ecken. In diesem Kuppelsaal hat Erna Gollmer ihre Stunden gegeben. Ein Klavier steht noch immer an der Wand. Es ist abgeschlossen.

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