Ernährung in der Welt : Hunger ist auch in Deutschland ein wachsendes Problem

Es wäre genug für alle da: Am Freitag startet in Berlin die Internationale Grüne Woche. Dazu treffen sich wieder rund 70 Agrarminister aus aller Welt. Ihr zentrales Thema: Ernährungssicherheit. Dieses Ziel liegt noch sehr fern.

von , , , , und Finn Mayer-Kuckuk
Hunger in der Welt. Der Welthungerindex zeigt, dass sich das Problem nach wie vor auf dem afrikanischen Kontinent konzentriert.
Hunger in der Welt. Der Welthungerindex zeigt, dass sich das Problem nach wie vor auf dem afrikanischen Kontinent konzentriert.

Es ist nicht besser geworden. Aufrichtigerweise kann man höchstens sagen: etwas weniger schlimm. Und selbst das ist eine Frage der Betrachtung. Zwar ist der Anteil hungernder Menschen auf der Welt seit 1990 um 39 Prozent gesunken – die Vereinten Nationen hatten sich zum Ziel gesetzt, sie bis 2015 zu halbieren –, in absoluten Zahlen leiden heute aber sogar mehr Menschen an Hunger als vor 25 Jahren. Mit wachsender Erdbevölkerung steigt die Zahl derer, die zu kurz kommen. Etwa 805 Millionen Menschen, heißt es beim Verein Welthungerhilfe, sind chronisch unterernährt. Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Hunger.

Agrarminister treffen sich auf der 80. Grünen Woche

Wenn am kommenden Freitag in Berlin zum 80. Mal die Internationale Grüne Woche eingeläutet wird, reisen wieder Landwirtschafts- und Ernährungsexperten aus unterschiedlichsten Nationen an – darunter zahlreiche Agrarminister. Bereits zum siebten Mal findet das GFFA, das Global Forum For Food and Agriculture, parallel zur Messe in Berlin statt. Rund 180 Minister werden jedes Jahr eingeladen, stets sagen 60 bis 70 zu. Das Motto des diesjährigen Gipfels lautet: „Wachsende Nachfrage nach Nahrung, Rohstoffen und Energie: Chancen für die Landwirtschaft, Herausforderung für die Ernährungssicherung?“

Vielerorts bessert sich die Lage – doch das schafft neue Ansprüche

Klar ist: Hunger ist ein Problem der Verteilung. Auf diesem Planeten wächst genug Nahrung für alle, in westlichen Ländern werden täglich tonnenweise Lebensmittel weggeworfen. Klar ist auch: Vielerorts entwickelt sich die Lage zum Guten, so etwa in Ghana, Thailand oder Vietnam. Mittelfristig jedoch schafft das neue Ansprüche und Probleme. „Biotreibstoffe, Lebensmittelspekulationen, Landraub – all das hat Auswirkungen auf die Verfügbarkeit und die Preise von Lebensmitteln“, sagt Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski, Direktor am Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim. Aber Mangelernährung ist kein Phänomen, das auf Entwicklungsländer beschränkt ist. „Auch in Industrieländern werden Menschen krank, weil ihnen Nährstoffe fehlen.“ Sechs Korrespondenten beschreiben, wie es um die Ernährung in verschiedensten Regionen der Welt bestellt ist.

USA

Im kargen, kalten Montana liegt die Rate der drastisch übergewichtigen US-Amerikaner bei 19,6 Prozent. Auf 35,4 Prozent ist sie dagegen bereits im Bundesstaat Mississippi gestiegen. Wie eine Umfrage des Forschungsinstituts Gallup zeigt, haben sich die meisten vom Ziel des gesünderen, schlankeren Lebens auch längst abgewendet – sie essen wieder weniger gesund und bewegen sich immer seltener. „Hungrige“ Gesichter in den Vereinigten Staaten sind fetttriefend, zuckerstarr, ohne ausreichende Nährstoffversorgung. Auch, weil gesunde, frische Lebensmittel eine Frage des Geldes sind. 14,3 Prozent der Menschen fehlt das häufig. Und 5,6 Prozent haben nicht einmal im reichen Amerika immer genug, sich überhaupt ausreichend zu versorgen. Während die einen also aufwendige Salate und frisch gepressten Orangensaft für viel Geld bei „Wholefoods“ kaufen, kennt ein relevanter Teil der US-Bevölkerung auch Hunger – darunter Millionen Kinder. Wie das Gesundheitsministerium aufführt, leben 15,8 Millionen Kinder unter 18 Jahren in Haushalten, in denen der Zugang zu nahrhaftem Essen nicht immer gewährleistet ist. Am schlimmsten ist die Lage in New Mexico, Mississippi, Arizona und Georgia. Spendenorganisationen sammeln deshalb unter dem Motto: „No kid hungry“.

Barbara Junge, Washington

Mexiko

In den Bergen des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas kann es im Winter eisig kalt werden. Auf dem Tisch stehen Maistortillas, Mousse aus schwarzen Bohnen, Salz und Chilischoten; zum Trinken gibt es selbst gerösteten Kaffee. Mehr haben die Familien nicht. Chiapas gehört zu den ärmsten Bundesstaaten des Landes; ein Drittel der Kinder sind chronisch unterernährt. 600 Kilometer weiter nördlich, in Oaxaca, drängen sich Schulkinder in den Pausen am Kiosk, kaufen Chips, Cola und Kekse. Viele sind pummelig. Innerhalb einer Generation ist die Mehrheit der Mexikaner von der Unterernährung in die Fettleibigkeit gerutscht. Dazu beigetragen haben steigende Kaufkraft, die Ausbreitung des US-Lebensstils inklusive Fastfood-Ketten – und eine laxe Regierung. Sieben von zehn Erwachsenen und jedes dritte Kind sind übergewichtig,

Diabetes ist inzwischen Volkskrankheit. Das kostet den Staat Milliarden, der nun endlich reagiert hat: 2014 trat eine Steuer auf Junkfood und Softdrinks in Kraft.

Sandra Weiss, San Andrés

Deutschland

Bei uns muss niemand hungern – dieser Satz stimmt so leider nicht. Zwar ist chronische Unterernährung in Deutschland heute äußerst selten, doch die Menschenrechtsorganisation FIAN hat beobachtet, dass immer mehr Menschen in Deutschland nicht in der Lage sind, sich „angemessen und in Würde zu ernähren“. Besonders betroffen sind Kinder aus Hartz-IV-Haushalten, Rentner und Flüchtlinge. Die Tafeln feiern in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Es ist ein trauriges Jubiläum. „Dabei geht es nicht nur darum, satt zu werden, sondern darum, gesund zu bleiben“, sagt Ernährungswissenschaftler Hans Konrad Biesalski von der Uni Hohenheim. „Viele Deutsche leiden unter verstecktem Hunger.“ Ein Mangel an wichtigen Nährstoffen kann zu Konzentrationsschwächen, Wachstumsstörungen und Krankheiten führen. Die körperlichen und geistigen Folgen sind oftmals unumkehrbar. Das schadet nicht nur den Betroffenen, sondern auch der ganzen Gesellschaft, weil die Produktivität sinkt und der Bedarf an Sozialleistungen steigt. Biesalski kritisiert: „Im Armutsbericht der Bundesregierung wird das Problem der ungesunden Ernährung von Kindern zwar erwähnt, aber nicht weiter erörtert“.

Maris Hubschmid, Berlin

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