Ernährungswirtschaft : Essen wird teurer

Schlechtes Wetter und hohe Energiepreise machen der Lebensmittelbranche zu schaffen. Jetzt will sie die Kunden zur Kasse bitten.

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Agrarrohstoffe wie Getreide, Kartoffeln oder Ölpflanzen haben sich in den vergangenen zwölf Monaten um bis zu 50 Prozent verteuert.
Agrarrohstoffe wie Getreide, Kartoffeln oder Ölpflanzen haben sich in den vergangenen zwölf Monaten um bis zu 50 Prozent...Foto: Michael Klug/dapd

Berlin - An den Herbst mögen die meisten Deutschen jetzt, so kurz vor den Sommerferien, noch gar nicht denken. Schmuddelwetter, kürzere Tage, die dunkle Jahreszeit, das ist für viele ein Gräuel. Außer für Armin Juncker. Er kann es kaum erwarten, bis sich das Laub an den Bäumen verfärbt. „Im Herbst stehen die Jahresgespräche mit dem Einzelhandel an“, freut er sich. „Wir werden dabei versuchen, kräftige Preiserhöhungen durchzusetzen – anders geht es nicht mehr.“ Für die Verbraucher bedeutet das: Brot und Brötchen dürften in den nächsten Monaten teurer werden.

Juncker ist Geschäftsführer beim Verband Deutscher Großbäckereien – die Betriebe beliefern Supermarktketten wie Aldi, Lidl oder Edeka mit Backwaren. „Im unteren einstelligen Bereich“ werde sich der Anstieg bewegen, erwartet Juncker. Die Betriebe könnten die auf breiter Front steigenden Kosten sonst nicht mehr schultern – teureres Getreide und kostspieligere Energie machen der Branche zu schaffen.

Nicht nur die Bäckereien suchen ihr Heil in höheren Preisen. Auch Riesen der Lebensmittelindustrie wie Birkel, Kraft, Nestlé oder Unilever wollen dem Verbraucher ans Portemonnaie. „Preiserhöhungen sind nach einer 18-monatigen Talfahrt der Preise unvermeidlich“, lässt Matthias Horst, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) wissen. Denn die gestiegenen Kosten schlügen unmittelbar auf die „ohnehin schwache“ Ertragslage der Firmen durch.

Den Verbrauchern droht damit nach der Verwirrung durch die Ehec-Krise erneut beim Einkauf Ungemach. Lebensmittel waren im Mai um 3,3 Prozent teurer als vor einem Jahr, ermittelte das Statistische Bundesamt. Und das bei einer allgemeinen Inflationsrate von 2,3 Prozent. Zwar verteuert sich Öl nicht mehr so rasant, die Erzeugerpreise stiegen aber zuletzt im April mit 7,2 Prozent so stark wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Angesichts kaum steigender Löhne und Gehälter müssen sich viele Konsumenten daher einschränken. Die Deutschen geben im Schnitt ein Zehntel ihres monatlichen Budgets für Lebensmittel aus.

Kostentreiber sind vor allem die Preise für Agrarrohstoffe – also für Kartoffeln, Zuckerrüben, Ölpflanzen oder Getreide, das zu Lebensmitteln, aber auch zu Tierfutter verarbeitet wird. Seit dem Frühjahr 2010 hätten sich diese Rohstoffe um 50 Prozent verteuert, beklagt BVE-Verbandschef Horst. Und Entspannung ist nicht in Sicht: In Nordamerika und in Europa, wo die Getreideernte im Juli beginnt, kalkulieren die Landwirte für dieses Jahr mit allenfalls mäßigen Erträgen. Während in den USA  Naturkatastrophen zu Ausfällen führen, haben hierzulande die Kälte im April und die anschließende wochenlange Trockenheit den Pflanzen zugesetzt. Vor allem Landwirte mit sandigen Böden, wie in Brandenburg, dürften vor Problemen stehen, heißt es beim Deutschen Bauernverband. „Wir rechnen deshalb auf jeden Fall mit festeren Preisen für Getreide“, sagt Henning Ehlers, Geschäftsführer beim Deutschen Raiffeisenverband.

Hinzu kommen die Entwicklungen, die schon seit geraumer Zeit für Anspannung auf den Agrarmärkten sorgen: Weltweit steigt die Nachfrage nach Lebensmitteln, zugleich pflanzen aber immer mehr Bauern Raps, Mais oder Zuckerrohr an, um daraus am Ende Biosprit zu machen. Und der Boom um den vermeintlichen Öko-Treibstoff ist noch längst nicht zu Ende, viele in Amerika und Europa wollen mit seiner Hilfe die Abhängigkeit vom arabischen Erdöl reduzieren. Befeuert werden die Preise außerdem noch von Spekulanten – angesichts noch immer niedriger Zinsen halten viele Finanzinvestoren Warentermingeschäfte für eine viel lohnendere Angelegenheit.

Die anstehenden Preissteigerungen dürften sich kaum auf pflanzliche Lebensmittel beschränken. Auch die Fleischwirtschaft trifft das schlechte Wetter. Die Hälfte des hierzulande geernteten Getreides wird als Futtermittel eingesetzt – angesichts der mäßigen Ernte werden viele Bauern Ware zukaufen müssen. Obendrein können sie nicht so viel Heu einlagern wie sonst üblich, weil das Gras wochenlang kaum gewachsen ist. „Wir rechnen deshalb in allen Bereichen mit Preissteigerungen“, sagt Thomas Vogelsang vom Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie.

Die Industrie hat für den Verbraucher aber auch Tröstliches übrig. Die Deutschen werden weiter günstig einkaufen könne, auch wenn Erzeuger und Industrie mehr für sich beanspruchen, sagt Horst vom BVE. „Dafür sorgt der harte Wettbewerb im Lebensmittelmarkt.“

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