Wirtschaft : Ernest Lenart

Geb. 1912

Thomas Loy

Seine größten Erfolge feierte er ohne die Weihen des Feuilleton In den letzten Schaffensjahren sagte er so ahnungsvolle Sätze wie Lessings Nathan, den er so oft gespielt hatte. „Ich glaube daran, dass das Licht der Kindheit die ganze Welt ausstrahlt.“ Weise ist, was man gleich versteht und im nächsten Moment schon nicht mehr. Oder umgekehrt. Verständnisfördernd wirkt oft der Klang. Eine gute Stimme sollte der Sprecher haben. Eine wie Ernest Lenart.

Am häufigsten schlüpfte er in die Rolle des greisen Märchenerzählers im „Traumtheater Salome“. Elf Jahre lang. 6000 Vorstellungen in unzähligen Städten. Ein großer Erfolg, aber ohne die Weihen des Feuilletons. Wenn Lenart erzählte, malten Artisten dazu leibhaftige Bilder. Sein zauseliger Bart, die kringelnden Haare, die langen Stirnfurchen, die großen Augen: Der alte Mann, so schien es, hatte all die Märchen selbst erlebt.

Seine eigene Geschichte begann in San Salvador. Sein Vater betrieb dort eine Limonaden-Fabrik. Die Lenarts hießen damals Levi, hatten Deutschland den Rücken gekehrt und waren in Amerika erfolgreiche Unternehmer geworden. Kurz nach Ernsts Geburt zog die Familie wieder nach Deutschland, und Ernst wurde ein wohlerzogener Schuljunge. Sonderbar an ihm war einzig, dass sein Kindermädchen nicht aus der Uckermark kam, sondern aus Mittelamerika.

Bei Durchsicht der Klassenfotos fällt auf, dass Ernst gerne Grimassen schneidet. Den Dienstmädchen trägt er abends Balladen und Schauergeschichten vor. Erste Erfolge stellen sich ein: Die Mädchen fangen an zu weinen. In der Obersekunda steht der Entschluss fest: Ernst will zum Theater. Bei Max Reinhardt macht er seine Aufnahmeprüfung und wird unter 500 Prätendenten als einer von zwölf ausgewählt. Um vor antijüdischen Anfeindungen sicher zu sein, nennt er sich fortan Ernst Lenart.

Dennoch fühlt er sich bei der Rollenverteilung diskriminiert. „Lenart, Sie spielen den jungen Liebhaber.“ Der Fluch seiner weichen Gesichtszüge verfolgt ihn über Jahre. Im Freilichttheater am Müggelsee spielt er den Lysander in Shakespeares Sommernachtstraum. Sein Debüt auf einer regulären Theaterbühne endet im Gewitterregen.

Um endlich große Charakterrollen zu spielen, geht Ernst Lenart in die Provinz, nach Konstanz, Magdeburg und Kiel. Dort erreicht ihn der erlösende Anruf aus Berlin. Heinz Hilpert, Intendant der Volksbühne, will Lenart für den Mortimer in „Maria Stuart“. Doch bevor die Proben beginnen, hat sich ein anderer Schauspieler im deutschen Drama emporgeschwungen. Hitler ist an der Macht, und Hilpert sagt ab. Er habe schon zwei „Nichtarier“ im Ensemble und könne sich keinen weiteren leisten.

Lenart schließt sich dem Jüdischen Kulturbund an. Dort spielen jüdische Künstler für ein jüdisches Publikum, streng zensiert und überwacht vom Reichskulturwart. Lenart spielt den Tempelherrn in „Nathan der Weise“. Er ist noch jung, will Karriere machen, wenn nicht in Berlin, dann in den USA. Schließlich ist er auch amerikanischer Staatsbürger. Nach der Olympiade 1936 schifft er sich mit seinen Eltern nach New York ein.

Erst mal Geld verdienen und die Sprache lernen. Lenart nimmt einen Bürojob an, nennt sich jetzt Ernest. Als er ganz manierlich Englisch spricht, macht ihm Moritz Schwarz vom Jiddischen Theater am Broadway ein Angebot für die nächste Spielsaison. Lenart: „Ich kann kein Jiddisch. Deutsch ja, aber kein Jiddisch.“ – Schwarz: „Das wernse lernen, das Mameluschen.“

Lenart, der ehrliche Berliner, zögert, Schwarz, der durchtriebene New Yorker, bietet einen guten Vertrag mit viel Gage. Lenart zögert immer noch, Schwarz bietet einen Jiddisch-Lehrer. Lenart unterschreibt. Dann geht Schwarz auf Tournee nach Palästina. Lenart hört nichts mehr von ihm. Plötzlich ist Schwarz wieder da und sagt: „Nächste Woche fangen die Proben an.“ Lenart protestiert, verlangt einen Lehrer. Schwarz winkt ab, sucht schon nach einem Ersatz. Lenart prozessiert und gewinnt. Schwarz muss ihm 5000 Dollar zahlen. Lenart hat seinen US-Showbiz-Tauglichkeitstest bestanden.

Er geht nach Hollywood, wo deutsche Emigranten eine große Tell-Inszenierung vorbereiten. Lenart spielt den Rudenz. Die Presse macht viel Wind um die Premiere. Halb Hollywood sagt sich an, sogar Greta Garbo. Zwei Wochen später wird der Tell abgesetzt. Die Amerikaner haben keine Lust auf europäische Heldensagen, intoniert von Schauspielern, deren gekünsteltes Englisch sie kaum verstehen.

Lenart erkennt, dass er mit seinem deutschen Akzent keine Chance hat. Er beginnt zu fotografieren, wird Assistent bei einem Hollywood-Fotografen, arbeitet sich bis zum Chef der Fotoabteilung bei MGM hoch. Er produziert die Filmtitel. Später erfindet er den „Lenart-Test“, eine Porträt-Sequenz eines Schauspielers in Aktion. Mit dem Lenart-Test können sich unbekannte Talente bei den großen Filmstudios bewerben. Toni Curtis wird so entdeckt. Ernest Lenart hat endlich einen Namen in Hollywood. Nur leider im falschen Metier.

1964 kehrt er enttäuscht nach Deutschland zurück. Er will auf der Bühne stehen. Am Berliner Schiller-Theater spielt er eine Nebenrolle im „Leben des Galilei“. Aber sein Deutsch klingt so leblos. Das Sprechen sei wie auf Stelzen zu laufen, klagt er. Bei den Proben fällt er manchmal ins Englische. Lenart hadert mit sich, zieht aber unbeirrt durch die Lande. Saarbrücken, Hamburg, Bregenz, Linz, St. Pölten, Hof, Ötigkeim, Memmingen, Luzern – der deutsche Theaterhimmel ist groß. Zweimal darf er den Nathan spielen, aber die Inszenierungen der jungen Regisseure befremden ihn.

Lenart arbeitet sich die Stimmbänder wund. Als er Abschied nimmt vom Traumtheater Salome, ist er 80 Jahre alt. Doch ein Schauspieler kann sich nicht zur Ruhe setzen. Das Leben der Bühnenfiguren endet ja auch nicht vor dem Tod. Zuletzt interpretiert Lenart Reden von Arafat und bin Laden. Die Kritiken sind gut, aber lieber würde er noch mal den Nathan spielen. Oder King Lear.

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