Erneuerbare Energien : Berlins Solarbilanz ist mehr Schein als Sein

Bei der Nutzung von Solarenergie fällt Berlin durch viele Superlative auf. Doch die wahre Bilanz ist trübe. Ein Grund ist natürlich, dass in den Stadtstaaten weniger Flächen zur Verfügung stehen. Dennoch ist auffällig, dass Sonnenstrom in Berlin praktisch keine Rolle spielt.

Kevin P. Hoffmann,Stefan Jacobs
314178_0_8a0e41f6.jpg

Berlin - Im Erfinden sonniger Superlative ist Berlin ganz groß: Am Mittwoch stieg Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) aufs Dach der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg, wo laut seiner Verwaltung „die größte Fotovoltaikanlage auf einem öffentlichen Gebäude“ errichtet wird. Am Freitag folgte gleich der nächste solare Höhepunkt. Wolfs Staatssekretär und Parteifreund Jens-Peter Heuer fuhr zum ehemaligen Gaswerk Mariendorf und weihte dort mit den Chefs der Gasag und des Solarmodulherstellers Solon in der Dezembersonne eine Pilotanlage ein.

Die ersten zehn Module sind dort bereits montiert. Wenn der Standort sich bewährt, wollen die Unternehmen die gesamte, knapp zehn Fußballfelder große, Fläche mit Sonnenfängern zubauen. Das wäre dann die wohl größte Solarstromanlage Berlins – viel größer noch als die bei Mercedes in Marienfelde, die im August vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) eingeweiht wurde.

Immer wieder Manager, Politiker, Sonne und sauberer Strom – es scheint, als wäre Berlin Deutschlands Solarhauptstadt. Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander: Bei Zahl und Leistung der installierten Anlagen liegt die Hauptstadt abgeschlagen vor Hamburg und Bremen auf dem drittletzten Platz. Das geht aus Zahlen der Bundesnetzagentur hervor. Von Januar bis September 2009 gingen demnach im größten Solarland Bayern Anlagen mit insgesamt 572 Megawatt Leistung ans Stromnetz. In Brandenburg waren es 115, in Berlin wurden nur drei Megawatt installiert.

Ein Grund ist natürlich, dass in den Stadtstaaten weniger Flächen zur Verfügung stehen. Dennoch ist auffällig, dass Sonnenstrom in Berlin praktisch keine Rolle spielt. Das Fachmagazin „Photon“ hat die Sonnenstromleistung je Einwohner errechnet: Demnach kamen Ende 2008 auf jeden Berliner drei Watt Sonnenstrom – gerade genug, um einen Fernseher im Standby-Modus zu halten. In Brandenburg waren es 29 Watt, in Bayern sogar 188 Watt Sonnenstromleistung pro Einwohner – also genug, um damit drei herkömmliche 60-Watt-Glühbirnen leuchten zu lassen.

Das Berliner Defizit ist großenteils hausgemacht: Auf der von der Umweltverwaltung organisierten „Solardachbörse“ bieten vier der zwölf Bezirke kein einziges geeignetes Gebäudedach an. Eine Investorin berichtet von einem Dschungel aus Ämtern und mäßig kompetenten Ansprechpartnern, die beispielsweise Schuldächer angeboten hätten, die sich dann als ungeeignet erwiesen, weil sie marode oder verschattet waren. Die vielen laufenden Sanierungen mit Geld aus dem Konjunkturpaket sollen die Voraussetzungen verbessern, heißt es in der Verwaltung von Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke). Außerdem soll das in Arbeit befindliche Klimaschutzgesetz den Ausbau forcieren. Beim Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) ist von einer weiteren Hürde die Rede: Die steuerbefreiten Wohnungsgesellschaften würden ihr Steuerprivileg verlieren, wenn sie mit sauberem Strom Geld verdienen – und lassen es deshalb gleich.

Dabei wäre das Geschäft bei korrekter Planung durchaus lukrativ: Die für 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung für den Sonnenstrom minimiert das Risiko so weit, dass Banken bereits die Solaranlage allein als Sicherheit akzeptieren, so dass fast kein Eigenkapital notwendig ist.

Doch es gibt auch Lichtblicke: Zum einen ist der Sonnenstromanteil dank einiger neuer Großprojekte wie dem „Solarstrompark Berliner Schulen“ zuletzt schneller gewachsen. Zum anderen lässt die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM ihr fast 1000 Gebäude umfassendes Portfolio systematisch auf Solareignung untersuchen. Einige Objekte sind bereits durchgefallen, aber in der kommenden Woche naht schon der nächste Rekord: Auf einem Polizeigebäude in Spandau wird die laut BIM „bundesweit größte Anlage auf einem Carport“ fertig installiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar