Erneuerbare Energien : E.on testet Solarstrom

Der Stromkonzern E.on steigt in die Herstellung von Solarmodulen ein und eröffnet eine Fabrik in Sachsen-Anhalt. Die Konkurrenz begrüßt das, doch Umweltschützer zeigen sich enttäuscht.

Marlies Uken

Ein Hauch Kalifornien weht dieser Tage durchs tiefste Sachsen-Anhalt: "Malibu" kommt ins Örtchen Osterwedding in der Nähe von Magdeburg. Es ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Energiekonzerns E.on und des Fassaden-Spezialisten Schüco, das am Donnerstag den Betrieb aufnimmt. Malibus Ziel: Dünnschicht-Module, die aus Sonnenenergie Strom erzeugen, sollen in Osterwedding hergestellt werden.

Die Eröffnung des Werks wird mit viel Pomp gefeiert. Sogar E.on-Chef Bernotat und Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg haben sich angekündigt. Für den Konzern scheint es ein wichtiges Projekt: "Im Solarbereich gibt es ein massives Potenzial, es macht Sinn, möglichst früh dabei zu sein", sagt ein E.on-Sprecher.

Damit steigt ein großer Energiekonzern erstmals seit Jahren wieder ins Solargeschäft ein, diesmal sogar in die Produktion. Es ist ein seltenes Engagement dieser Tage, denn die deutsche Solarbranche steckt aufgrund ihrer Überkapazitäten in einer tiefen Krise. Vielleicht halten sich die drei anderen großen Versorger des Landes deshalb aus dem Geschäft zurück. RWE, Vattenfall und EnBW zeigen der Photovoltaik mehr oder weniger offen die kalte Schulter.

E.on will dennoch an den Plänen festhalten. Schließlich sind die Ziele groß: Langfristig sollen die Module zum Bau von solaren Großkraftwerken eingesetzt werden, die gerade in sonnenverwöhnten Regionen kostengünstig Strom produzieren können. Wenn der Strom aus Solaranlagen genauso günstig zu produzieren sei wie konventioneller Strom – Fachleute sprechen von der "Netzparität" –, könnte das den Durchbruch bedeuten, hofft die Branche. Schon im kommenden Jahr könne er in Ländern mit hohen Stromkosten erfolgen, unter anderem in Italien, erwarten Konzerne wie Q-Cells.

Die in Osterwedding hergestellten Dünnschicht-Module lassen sich besonders kostengünstig herstellen. In der Produktion wird sehr wenig Silizium verbraucht, was die Technologie unabhängiger von dem Rohstoff und seinem stark schwankenden Preis macht. Der Großteil der deutschen Solarkonzerne hingegen produziert Solarzellen aus kristallinem Silizium, denn sie haben einen höheren Wirkungsgrad: Während Dünnschicht-Zellen auf einen Wirkungsgrad von zurzeit maximal zwölf Prozent kommen, erreichen kristalline Zellen bereits 20 und mehr Prozent. Nur der US-Solarkonzern First Solar konnte sich bisher mit der Dünnschicht-Technologie ernsthaft etablieren, er gehört inzwischen zu den größten Modulherstellern weltweit.

Bislang ist die Bilanz der großen Energiekonzerne im Solargeschäft eher mau. Der Aufbau der deutschen Solarindustrie mit börsennotierten Konzernen wie Q-Cells oder Conergy geschah ganz ohne sie. Ölriese Shell verabschiedete sich vor drei Jahren zu großen Teilen aus dem Geschäft, als er seine Solarsparte teilweise an das Bonner Unternehmen Solarworld verkaufte. Der größte Energiekonzern der Welt, Exxon Mobil, ist ebenfalls kaum im Ökostrom-Geschäft aktiv. Wettbewerber BP kündigte Ende März an, seine europäischen Solar-Standorte zu schließen, und will fortan mit asiatischen Anbietern kooperieren.

Auch für die in Deutschland aktiven Stromkonzernen spielt Solarstrom bislang keine Rolle – auch strategisch nicht. Vattenfall setzt vor allem auf Wind, Wasserkraft und Biomasse. EnBW hat vor Kurzem die Offshore-Windenergie entdeckt und kauft sich mit beträchtlicher Verzögerung in Projekte ein. Die Ökostrom-Tochter von RWE, Innogy, investiert vor allem in Windenergie- und Biomasse-Projekte. Innogy will mehr als eine Milliarde Euro jährlich ausgeben, um die Klimabilanz von Europas größtem Kohlendioxid-Emittenten zu verbessern. "Es gibt deutlich bessere Energieformen als Photovoltaik, um den Kohlendioxid-Ausstoß zu mindern", sagt ein Unternehmenssprecher.

Auf den ersten Blick überrascht die Zurückhaltung der Konzerne. Schließlich garantiert der Staat für Solarstrom einen Preis, der so hoch ist wie der keiner anderen Energieform. Mit mehr als 40 Cent wird die Einspeisung einer Solarstrom-Kilowattstunde vergoldet, 20 Jahre lang. Viele Privatleute installieren Photovoltaik-Anlagen wegen der Rendite. Warum die Konzerne im Gegensatz dazu nicht investieren, erklärt Herman Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter und Präsident des Lobbyverbandes Eurosolar, so: "Solarstrom setzt auf eine dezentrale Versorgung und kleine Einheiten. Ein Energiekonzern setzt dagegen auf große Einheiten, eine zentrale Versorgung und monopolistische Strukturen."

Auch E.ons Engagement in Osterwedding ist relativ klein. Die Produktion wird eine Kapazität von 40 Megawatt haben. "Das ist eine Testfabrik, E.on will einfach einen Fuß in die Tür bekommen", sagt Bernd Schüßler, Sprecher des Fachmagazins Photon. Zum Vergleich: First Solar aus den USA hat zurzeit eine Kapazität von mehr als 710 Megawatt am Start und will die 1000-Megawatt-Marke bald durchbrechen. Das finanzielle Risiko ist ebenfalls überschaubar: 50 Millionen investieren die Essener in das Gemeinschaftsunternehmen, das ist ein minimaler Anteil des Konzernüberschusses, der 2008 bei mehr als 5,5 Milliarden Euro lag. Thorben Becker, Energieexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz, überzeugen solche Summen kaum. "Eine wirkliche Wende in der Energiepolitik würde anders aussehen, dann würde E.on etwa seine Neubaupläne für Kohlekraftwerke auf Eis legen."

So beobachtet selbst die zukünftige Konkurrenz von Malibu den Einstieg von E.on ohne Skepsis. Egal, ob Q-Cells, Conergy oder Solarworld: Die erste Liga begrüßt einhellig den Einstieg eines großen Players in den Solarmarkt. Schließlich sorge das für Wettbewerb. Solarworld-Chef Frank Asbeck kann sich allerdings das Sticheln nicht verkneifen. "Ich finde es immer gut, wenn auch große Energiekonzerne erkennen, dass es sinnvollere Arten der Energieerzeugung gibt", sagt er. "Malibu buche ich allerdings erst einmal als PR-Aktion ab."

Quelle: ZEIT ONLINE, 4.6.2009 - 14:46 Uhr

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