Erneuerbare Energien : „Ohne IT keine Energiewende“

Innovationen entstehen in Firmen, Universitäten und Start-ups. Sie sollen künftig stärker kooperieren, fordern Hamburger Experten.

Jürgen Hoffmann
Sonnenstrom steuern. Durch intelligente Systeme, gemeinsam entwickelt von etablierten Firmen und Gründern, soll die Energiewende vorankommen.
Sonnenstrom steuern. Durch intelligente Systeme, gemeinsam entwickelt von etablierten Firmen und Gründern, soll die Energiewende...Foto: picture alliance / dpa

In Hamburg wird ab diesem Mittwoch noch ein bisschen mehr über Berlin geredet. Auf dem Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Kampnagel im Stadtteil Winterhude treffen sich rund 1000 Fachleute für drei Tage zur Solutions Hamburg. Auf dem Kongress soll sich alles um Digitalisierung, Business und IT drehen. Ein Themenschwerpunkt: Wie groß sind die Chancen, die aus disruptiven Technologien erwachsen? Und wie hoch die Risiken, wenn bestehende Produkte verdrängt und tradierte Strukturen zerstört werden?

Besonderen Wandel erlebt die deutsche Energiewirtschaft

Die zunehmende Digitalisierung verändert sämtliche Bereiche der Wirtschaft – ohne Ausnahme. Ein Segment, das derzeit einen besonders tiefgreifenden Wandel erlebt, ist die deutsche Energiewirtschaft. Ein Beispiel aus der Hauptstadt: Aus dem Umspannwerk Britz in Neukölln erhalten Stromerzeugungsanlagen neuerdings per Funk den Befehl, mehr oder weniger zu produzieren. Entwickelt haben das System im vergangenen Jahr der Regionalversorger Stromnetz Berlin, die Bosch Software Innovations und der Mobilfunknetzbetreiber E-Message Wireless Information Services. Derzeit steuert E-Nergy, wie die Entwickler ihr Modell getauft haben, zwar erst rund 200 kleinere Solarstrom-Produktionsanlagen und Verbrauchsstellen – private und gewerbliche Kunden mit Nachtspeicherheizungen oder E-Car-Ladesäulen. Bald schon soll es aber auch in anderen Bezirken eingesetzt werden.

Die Machine-to-Machine-Lösung wurde mit dem Innovationspreis ausgezeichnet

Laut Dietmar Gollnick, Geschäftsführer von E-Message, lassen sich alle etwa 5200 Solaranlagen auf Berliner Dächern anschließen sowie 800 Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung und gut 15 000 Nachtspeicherheizungen und 3800 Wärmepumpen in der Stadt integrieren. Die Machine-to-Machine-Lösung, ausgezeichnet mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg, könne eine zentrale Funktion im Energiemanagement übernehmen, „weil das System eine sichere Funkübertragung der Steuerungssignale vieler kleiner dezentraler Erzeugungs- und Verbrauchseinrichtungen gewährleistet“.

Gollnick hält die Zusammenarbeit mit Stromnetz Berlin für beispielhaft: „Für viele Konzerne ist die Kooperation mit Unternehmen anderer Branchen wie eine Frischzellenkur.“ Kleinere Entwicklungsteams seien „manchmal kreativer und schneller als Großunternehmen“. Letztere hofften, dass sie zusammen mit jungen digitalen Unternehmen „schneller neue, lukrative Dienstleistungen und digitale Produkte entwickeln können“. Das sieht auch Jan Rispens so, der Stratege der Clusteragentur Erneuerbare Energien Hamburg. „Die Branchen-Landschaft ändert sich gerade dramatisch“, sagt er. „Ohne IT ist die Energiewende nicht vorstellbar.“ Experten beider Felder, Ingenieure und IT-Spezialisten, die Old Economy und die digitale Gründerszene, müssten sich intensiver vernetzen, „damit künftig mehr intelligente Lösungen entwickelt werden“. Hinzu kommt – praktisch als dritte Säule – die Wissenschaft. In Universitäten entstehen aus vielversprechenden Forschungsprojekten sogenannte Spin-offs, die von den Forschern wie kleine Firmen geführt werden – und aus denen im besten Fall tatsächlich kleine Firmen werden. Auch so wandert Wissen, zum Beispiel aus der Informatik, in die Wirtschaft. Ein Konzept, das nicht nur in der Keimzelle der Digitalisierung, dem kalifornischen Silicon Valley, seit Jahrzehnten funktioniert.

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