Wirtschaft : Ernst Czepluch

Geb. 1907

Thomas Loy

Vor dem Krieg spielte er in der 1. Sturmreihe, danach als Letzter Mann Was muss man von einer Ballsportart halten, bei der ein Ei zum Einsatz kommt, das in einem ordentlichen Gedränge vom Hakler nach hinten gekickt wird, wo es vom Gedränge-Halb aufgenommen und zum Verbinder an die Dreiviertel Hintermannschaft weitergeleitet wird, um endlich vom Ball tragenden Spieler über die Mallinie befördert zu werden?

Aber wir sollten nicht ungerecht sein. Beim Rugby geht es geregelter zu als beim Fußball. Ernst Czepluch hat dieser ehrwürdigen Sportart, erfunden 1823 im englischen Rugby, mehr als 70 Jahre seines Lebens gewidmet. Schon vor zwanzig Jahren bekam er dafür die Goldene Treuenadel des Berliner Sportvereins. Weil in der Vereinssatzung keine höheren Treue-Ehren vorgesehen sind, Ernst Czepluch weiteren Würdigungen aber aufgeschlossen gegenüberstand, bekam er 1992 noch die Ehrenmitgliedschaft zuerkannt.

Der Vereinschronik zufolge wechselte Ernst Czepluch 1936 mit seinen Rugby-Kameraden von Tennis Borussia zum BSV, weil sie es leid waren, immer von Wilmersdorf nach Niederschönhausen zu fahren und dann auch noch vor jedem Spiel die Goalstangen 400 Meter zum Platz zu tragen. Damals spielte Ernst in der 1. Sturmreihe – das sind die Jungs, die im Gedränge ganz vorne stehen und mit ihrem gesamten Körpergewicht die gegnerischen Drängler am Fortkommen hindern. Ein Stürmer darf gerne 100 Kilo wiegen und zwei Meter lang sein. Ernst Czepluch war eigentlich viel zu klein und zu leicht für die 1. Sturmreihe. Deshalb spielte er nach dem Krieg ganz hinten als Letzter Mann. Der ist dafür zuständig, einen angreifenden Gegner im vollen Lauf an der Hüfte zu packen und zu Boden zu reißen. „Da darf man keine Angst haben, wenn so ein Brocken auf einen zuläuft“, sagt Rugby-Trainer Manfred Neumann.

In den fünfziger Jahren, so erinnern sich die wesentlich jüngeren Vereinskameraden Wolfgang (80) und Heinz (70), war der Rugbysport als eine die Persönlichkeit schärfende und das Gemeinschaftsgefühl stärkende Freizeitgestaltung allgemein anerkannt. Zu den Spielen fuhr man im Sommeranzug mit Einstecktuch oder im Vereinsblazer. Einmal im Jahr wurde im Interconti der große BSV-Ball gefeiert. Zwischendurch gab es allerlei Frühschoppen, Tanzabende und Monatsversammlungen, zu denen Ernst Czepluch gerne mit einer Premium-Zigarre und einem kleinen Merkheftchen erschien. Darin hatte er die Witze notiert, die im Fortgang des Abends zur Erheiterung beitragen sollten. Diese plaisierlichen Schnurren fielen oft in die Kategorie „Oh-la-la!“, aber es waren ja meist nur Herren anwesend. Die Frauen spielten damals kein Rugby und waren nur zu größeren Festlichkeiten zugelassen. Heute ist das natürlich alles anders und viel moderner. Es gibt schon Unterwasser-Rugby.

Ernst Czepluch war ein Herr der alten Schule. Von jüngeren Kameraden erwartete er, zunächst gesiezt zu werden. Sich in den Vorstand der Rugby-Abteilung wählen zu lassen, war Ehrensache, allerdings achtete Czepluch darauf, eher im Hintergrund zu wirken. Hatte ja tagsüber genug um die Ohren in seiner VW-Werkstatt in Neukölln. Abends, bei den Vorstandssitzungen, ist er dann manchmal eingeschlafen.

Anno 1951 wird von einer „Schwarzfahrt“ zu Lokomotive Leipzig berichtet, auf der Ernst Czepluch seine Vereinskameraden als Schmuggler von Autoersatzteilen einsetzte. Natürlich wurde auch Rugby gespielt. Die Verquickung von Sport und Profit ließ sich moralisch mindestens dadurch rechtfertigen, dass Czepluch seinem Verein jedes Jahr eine größere Spendensumme zukommen ließ.

1953 beendete Ernst Czepluch seine aktive Laufbahn, beteiligte sich in den kommenden 50 Jahren aber weiter rege am Geschehen am Spielfeldrand. „Hat kaum was ausgelassen“, sagt Wolfgang voller Anerkennung. „War überall beliebt“.

Sehr ärgerlich war dann die Sache mit der künstlichen Hüfte. Da war Ernst Czepluch schon in den Neunzigern. Die Hüfte sprang immer wieder aus ihrer Fassung, und bald musste sich Czepluch entscheiden: Operieren oder Resignieren. Für einen Rugby-Spieler kann es nur eine Antwort geben. Czepluchs Herz entschied sich anders.

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