Wirtschaft : Ernüchterung bei der EZB: Dicke Luft im Euro-Tower

Rolf Obertreis

Das Ansehen der Europäischen Zentralbank (EZB) wollen sie nicht beschädigen, zumal sie glauben, dass EZB-Präsident Wim Duisenberg und seine Kollegen mit ihrer Geldpolitik einen guten Job machen. Außerdem schätzen sie es durchaus, beim Aufbau und der Etablierung eines historisch einmaligen Projektes mitzuarbeiten. Lange haben sich etliche Mitarbeiter der EZB, das Staff Committee, die Arbeitnehmervertretung und die beiden hausinternen Gewerkschaften deshalb gescheut, ihre Vorwürfe an die Öffentlichkeit zu tragen. Langsam aber fällt die Zurückhaltung: In der EZB rumort es, weil sich etliche der Beschäftigten unfair und von oben herab behandelt fühlen. Die Stimmung ist so geladen, dass mittlerweile mehrere Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg anhängig sind.

Es sind nicht wenige im Frankfurter Eurotower, bei denen die Anfangseuphorie zweieinhalb Jahre nach der Gründung der EZB in Ernüchterung umgeschlagen ist. Für die schlechte Stimmung gibt es mehrere Gründe: Nach wie vor ist die Arbeitsbelastung sehr hoch. Regelmäßig müssen Überstunden geleistet werden, die Quote liegt im Durchschnitt bei 20 bis 30 Prozent. In der Spitze ist es deutlich mehr, wie Wolfgang Hermann von der International and European Public Services Organisation (IPSO) sagt. Die IPSO ist neben der USE, der Union of the Staff of the European Central Bank, eine der beiden bei der EZB angesiedelten Gewerkschaften, die immerhin ein Viertel der Belegschaft vertreten.

EZB-Sprecherin Regina Schüller weist die Klagen zurück und sagt, die Belastung habe sich deutlich reduziert. Mit neuem Personal versucht die Bank, die Engpässe zu überwinden. Mittlerweile arbeiten fast 1 000 Beschäftigte aus 15 Ländern bei der EZB. Demnächst wird die EZB neben dem Eurotower mehrere Etagen in einem zweiten Hochhaus in der Frankfurter City beziehen. Auch über einen Neubau wird nachgedacht.

Wichtiger als die Arbeitsbelastung sind den genervten Mitarbeitern, dem Staff Committee sowie USE und IPSO die Defizite in der Beziehung zum Arbeitgeber EZB. Die Bank ist mit Blick auf die Beschäftigungsbedingungen keinerlei Vorgaben unterworfen. Die Regeln, sagt die EZB, seien nach langen Diskussionen mit Arbeitnehmer-Vertretern formuliert worden und sie seien vergleichbar mit den Konditionen in anderen europäischen oder internationalen Organisationen, was USE und IPSO bestreiten. Die EZB-Beschäftigten sind keine Beamten, sie sind Angestellte mit Einzelverträgen. Einen Tarifvertrag gibt es nicht. Die EZB verweist auf die guten Gehälter und die niedrigen Steuern für ihre Mitarbeiter, was die Gewerkschaften durchaus anerkennen. Bei 77 000 Euro habe das Durchschnittsgehalt 1999 gelegen. Jedes Jahr werden die Gehälter angepasst.

Seit eineinhalb Jahren ersuchen die Gewerkschaften die Spitze der EZB wegen der Arbeitsbedingungen um ein Gespräch. Ohne Erfolg, wie Hermann sagt. Auf einer Betriebsversammlung im Sommer habe Vizepräsident Christian Noyer den Wunsch, über dieses Thema zu sprechen, "schroff" zurückgewiesen. Anfang September haben USE und IPSO deshalb vor dem Europäischen Gerichtshof geklagt - sie wollen mehr Mitspracherechte für das neunköpfige Staff Committee. Mehr als gehört wird das Gremium von der EZB-Spitze kaum.

Daneben soll es endlich klare Vorschriften für die Arbeitsverträge geben. "Wir unterschreiben quasi einen Blankoscheck", sagt ein EZBler. Die Regeln sind streng vertraulich und können zudem einseitig von der EZB verändert werden. "Das sind Arbeitsverträge, die eigentlich gar keine sind", sagt Hermann. Die Gewerkschaften vermissen klare Stellenbeschreibungen sowie Gehaltsbänder, die die Verdienstmöglichkeiten beschreiben. "Das ist relativ willkürlich und hängt vom Vorgesetzten ab." Dies gelte auch für Beförderungen. Etliche Mitarbeiter sehen deshalb in der EZB kaum Aufstiegschancen.

Schließlich beklagen Staff Committee, USE und IPSO eine Gängelung der EZB-Mitarbeiter. Jede E-Mail, die rausgeht, werde gegengelesen. Bei Telefongesprächen mit Journalisten lassen Beschäftigte höchste Vorsicht walten und würgen sie meist schnell wieder ab. "Wir wissen, dass die EZB in einem heiklen Feld arbeitet", bekundet Hermann gewisses Verständnis, beklagt aber zugleich fehlende interne Transparenz und die um sich greifende "Misstrauenskultur". In der EZB herrsche eine Atmosphäre wie in einer jungen Start-Up-Firma, sagt ein EZBler. "Aber unglücklicherweise wie in einer, die in die Pleite rutscht."

Die EZB weist die Vorwürfe strikt zurück. Sie bestreitet, dass das Staff Committee überhaupt ein Klagerecht hat, und will die USE nicht als Partner für den Abschluss von Beschäftigungsvereinbarungen akzeptieren. In der Bank gebe es eine angemessene Personalvertretung, die EZB respektiere die Freiheit der Gewerkschaften und sie habe sich freiwillig zu einem sozialen Dialog mit den Arbeitnehmervertretern bereit erklärt. Mehr aber auch nicht. Wolfgang Hermann räumt ein, dass die Situation verfahren ist. Aber er sagt auch, dass man Klagen wieder zurückziehen könne. Wenn sich die andere Seite bewegt.

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