Wirtschaft : Erst der Euro hat Maastricht weithin bekannt gemacht

THOMAS GACK

Seit die EU-Verträge unterzeichnet wurden, blüht der Tourismus / Deutsche Gäste kennen die Schönheit der Stadt schon langeVON THOMAS GACK MAASTRICHT.Am 10.Dezember 1991 hat kaum jemand, der sich auf den politischen Mikrokosmos des Gipfels konzentrierte und in der historischen Nacht bis drei Uhr morgens auf die Entscheidung für die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion wartete, tatsächlich viel von Maastricht gesehen. Man blickte in stickige Konferenzräume voll redender, rauchender, essender, telefonierender, schreibender, diskutierender Menschen.Maastricht war ein gesichtsloses Messegelände mit weit entfernten Kirchturmspitzen jenseits der Maas im verregneten Dezemberhimmel.Wer heute in die Stadt zurückkehrt, die inzwischen als Geburtsort des Euro rund um den Erdball bekannt ist, der merkt sehr schnell, daß sich mehr lohnt als nur der flüchtige Blick. In der Nachbarschaft weiß man das schon lange.Für jungen Leute im deutsch-niederländisch-belgischen Dreieck der Euregio zwischen Aachen, Lüttich und Hassel und für die knapp eine Autostunde entfernten Kölner ist Maastricht ein beliebtes Ziel.Es hat eine idyllische Altstadt, weitläufige Parks, nette Straßencafés und elegante Geschäfte.An sonnigen Frühlingstagen sitzen Touristen, Studenten und Einheimische eng gedrängt an den Marmortischchen vor den Restaurants und Cafés am großzügig gestalteten Vrijthof-Platz.Bei Braunbier und Käse haben sie eines der schönsten Beispiele romanischer Baukunst in den Niederlanden vor Augen: die Sankt-Servatius-Basilika aus dem 12.Jahrhundert.In den vergangenen Jahren wurde die Altstadt links und rechts der Maas nach und nach restauriert.Galerien, Antiquariate und Bistros liegen in den schmalen Gassen, in denen sich Barockgiebel an Barockgiebel reiht, ziehen ein kaufkräftiges Publikum an.Es ist längst gewohnt, sich in der Euregio frei zu bewegen.Grenzen und Schlagbäume sind hier schon lange nur Erinnerung an die "Vor-Maastricht-Zeit". "Daß unsere Stadt durch den Vertrag von Maastricht weltweit bekannt wurde, hat uns in den vergangenen Jahren zweifellos geholfen, den schwierigen Strukturwandel zu bewältigen", sagt Wim Gloudemans vom Fremdenverkehrsamt.Noch Mitte der 80er Jahre hatte Maastricht mit den Folgen des Niedergangs von Bergbau und Schwerindustrie zu kämpfen.Jenseits der Maas ist inzwischen ein modernes Konferenz- und Gewerbezentrum entstanden, in dem sich Dienstleistungs- und High-Tech-Unternehmen angesiedelt und hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen haben.An der vor 20 Jahren gegründeten Universität studieren inzwischen mehr als 13 000 Studenten.Rund 40 europäische wissenschaftliche Institute haben sich in Maastricht niedergelassen.Schließlich liegt die Stadt im Herzen Europas - mit guten Verkehrsverbindungen zu den wirtschaftlichen Zentren in Deutschland, den Niederlanden und Belgien. Die Mischung zwischen Tradition und Modernität, historischer Altstadt und Zukunftstechnik hat auch aus Deutschland Grenzgänger angezogen.Mehr als 120 000 Menschen leben und arbeiten inzwischen in Maastricht - Tendenz steigend."Der Gipfel von Maastricht markierte für uns die Wende.Seitdem befinden wir uns im Aufschwung." Maastricht boomt - parallel zum Prozeß, der durch den Maastrichter Vertrag angestoßen wurde. "Der Name Maastricht sagt inzwischen jedem in Europa und in der Welt etwas", sagt Wim Gloudemans.Allerdings nicht immer das Zutreffende, wie eine Umfrage in Großbritannien gezeigt hat.Ein großer Teil der Befragten war der Meinung, "Maastricht" bezeichne einen Käse.Andere lagen schon näher an den Tatsachen und gaben an, Maastricht sei die Bezeichnung für einen EU-Vertrag.Einige wußten, daß Maastricht eine Stadt ist - doch wo sie liegt, war ihnen nicht bekannt. Unmittelbar profitiert von der Berühmtheit des Namens hat das Gastgewerbe.Firmen und Institutionen nutzen den Symbolwert von Maastricht: Sie veranstalten Kongresse und Seminare in der nun berühmten Stadt. Seit 1991 ist die Bettenkapazität der örtlichen Hotellerie um 60 Prozent gestiegen.Der Aufschwung der Stadt ist allerdings nicht allein Ergebnis des weltweiten PR-Effekts des EU-Vertrags.Schließlich hatte die niederländische Regierung für das historische EU-Gipfeltreffen ganz bewußt die Stadt an der Maas gewählt."Maastricht ist Europa im Kleinen", weiß man im Rathaus der Grenzstadt zu berichten.Die enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Region ist geradezu ein Modell für das Zusammenleben über die Grenzen hinweg.Denn vor 15 Jahren steckte die ganze Region in den gleichen Strukturproblemen.Diesseits und jenseits der Grenzen kämpften Bürger und Gemeinden mit den gleichen Herausforderungen. Inzwischen ist der von Brüssel finanziell unterstützte Aufschwung der "Euregio" auch zum Paradebeispiel dafür geworden, wie man Anstrengungen europäisch bündeln und gemeinsam planen - und EU-Mittel sinnvoll benutzen kann. Fremdenverkehrsamt und Stadtentwickler von Maastricht hatten deshalb guten Grund, mit dem doppelsinnigen Slogan zu werben: "Say Yes to Maastricht".Offenbar sagen nun - nach den anfänglichen nationalen Widerständen gegen den Euro - immer mehr Menschen in Europa Ja.Wenige Tage vor dem endgültigen Startsignal für die Währung steigt auch in Maastricht die Zuversicht."Der Erfolg des Euro wird in den kommenden Jahren immer mehr Menschen, die bisher skeptisch waren, vom Maastrichter Integrationsprozeß überzeugen", sagt Gloudemans."Das trägt dann zweifellos zum positven Image unserer Stadt bei und kann uns nur nützen." Der Vertrag von MaastrichtIn Maastricht liegt der Grundstein für die Europäische Währungsunion.Dort unterzeichneten die Finanz- und Außenminister der damals zwölf EG-Mitgliedsstaaten den Vertrag über die Europäische Union, der am 1993 in Kraft trat. Damit wurde die Europäische Gemeinschaft zur Europäischen Union (EU).Die Staaten vereinbarten eine engere Zusammenarbeit nicht nur in wirtschaftlichen Fragen, sondern auch in der Außen- und Sicherheits- sowie der Innen- und Rechtspolitik. Kernpunkt des Maastrichter Vertrages ist aber die EWU.Demnach sollten bis spätestens Anfang 1999 die Währungen durch den Euro ersetzt werden. Neben dem Zeitplan, der einen dreistufigen Übergang zur EWU vorsieht, enthält der Vertrag auch die Bedingungen, die die einzelnen Länder erfüllen müssen, um sich für die Teilnahme zu qualifizieren - die inzwischen weithin bekannten Konvergenzkriterien. Die einzelnen Staaten müssen bereits im Vorfeld beweisen, daß sie zu Hause für niedrige Inflation und niedrige Zinsen sorgen können, ihre Währung nach außen hart ist und sie die öffentlichen Finanzen dauerhaft unter Kontrolle haben. Auch das Statut der Europäischen Zentralbank ist dem Maastrichter Vertrag als Protokoll beigefügt.Es ist integraler Bestandteil des Vertragswerkes und kann nur gemeinsam von allen Mitgliedern einstimmig geändert werden.

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