Wirtschaft : Erst die Kunden, dann die Börse

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Von Carsten Brönstrup

So schnell ändern sich die Zeiten. Noch vor nicht einmal einem Jahr berauschten sich die Deutsche Bahn und ihr Management an der Vision vom schlanken, effizienten Mobilitätskonzern. Alles, was Geld kostet und nichts einbringt, fliegt raus, lautete das Credo von Hartmut Mehdorn und seinen Mannen. Und nur noch Geschäfte und Dienstleistungen, die richtig profitabel sind, haben eine Chance – so wie bei einem echten, börsennotierten Unternehmen. Deshalb musste ein Preissystem her, das die Fernzüge besser auslasten und rentabler machen sollte. Deshalb mussten billige Automaten her, die das teure Personal im Bahnhof und bei der Telefonauskunft ersetzten. Und deshalb mussten die traditionsreichen Speisewagen weg, immerhin eine 130 Jahre alte Tradition. Die Kunden sollten ihren Kaffee und ihre Suppe lieber direkt am Sitzplatz schlürfen, denn so ließe sich mehr Geld verdienen, rechneten die BahnStrategen vor.

Dumm nur, dass der Bahn-Vorstand vor lauter Rechnerei und Börsen-Euphorie die Kunden und deren Wünsche ganz aus den Augen verloren hatte. Denn die hatten keine Lust, sich in einem komplizierten Preissystem zurechtzufinden, sich beim Ticketkauf mit Maschinen herumzuärgern und sich am Sitzplatz mit Kaffee und Suppe vollzuklecksen, statt beides gemütlich im Speisewagen zu verzehren. Das hat die Bahn nun endlich verstanden – und erst das umstrittene Preissystem geändert und nun die geplante Abschaffung der beliebten Speisewagen wieder zurückgenommen.

Doch damit ist längst nicht alles im Lot. Das Umsteuern ist ein Anfang, mehr nicht. Einem echten, börsennotierten Unternehmen wäre ein solche Reihe von Fehlern nie unterlaufen. Eine vor Beamten strotzende, behäbige Behörde ist die Bahn zwar nicht mehr – aber auch noch längst nicht die agile Aktiengesellschaft, die sie gerne sein möchte. Sonst hätte der Konzern seine Kunden nicht so systematisch übergangen. Im übernächsten Jahr will die Bahn nach eigenem Bekunden reif für einen Gang an die Börse sein. Bis dahin muss der Vorstand lernen, seine Fahrgäste zu verstehen. Er muss den Service verbessern, statt Maschinen auf die Menschen loszulassen. Und er muss die Folgen seiner Politik für das Image der Bahn besser abschätzen lernen, statt nur auf Zahlen und Kosten zu starren. Erst wenn die Bahn dies beherzigt, ist sie wirklich reif für die Börse.

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