Wirtschaft : Erst geflogen, dann gefeuert

Griechischer Finanzminister entlässt den Chef der Privatisierungsbehörde.

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Ist sich keiner Schuld bewusst: Athens Privatisierungschef Stelios Stavridis. Foto: dpa
Ist sich keiner Schuld bewusst: Athens Privatisierungschef Stelios Stavridis. Foto: dpaFoto: dpa

Athen - Es war kein langer Flug, nur etwa eine halbe Stunde. Irgendwo über den Wolken sei ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen: Ob das gut geht? Stelios Stavridis dachte nicht an die bevorstehende Landung auf dem Flughafen der Insel Kefalonia. Der Flug als solcher bereitete ihm Kopfzerbrechen. Aber nur ganz kurz. Stavridis war Chef der staatlichen Privatisierungsbehörde TAIPED.

Wenige Stunden zuvor hatte er in Athen die Verträge über den Verkauf eines Aktienpakets des bisher staatlich kontrollierten Glücksspielkonzerns OPAP an das Investor-Konsortium Emma Delta unterzeichnet. Maßgeblich an Emma Delta beteiligt ist der griechische Reeder und Ölmagnat Dimitris Melissanidis. Für die Unterzeichnung der Verträge hatte der Privatisierungschef Stavridis eigens seinen Urlaub auf Kefalonia unterbrochen.

Jetzt saß er in einem Privatjet, um die Ferien fortzusetzen. Und dieser Jet gehörte Dimitris Melissanidis. Ist dagegen etwas zu sagen? Nein, befand Stavridis nach kurzer Überlegung und genoss den Flug. Weil man nicht jeden Tag in so einem Privatjet sitzt, ließ sich Stavridis von einem Mitglied der Crew mit seinem Handy fotografieren. Gleich nach der Landung schickte er das Foto vom Handy per E-Mail stolz an seine Familie. Doch Stavridis vertippte sich bei der Adresse. So ging der Schnappschuss versehentlich an eine örtliche Zeitung. Am Wochenende berichteten die griechischen Medien über den Flug des Privatisierungschefs. Am Sonntag klingelte sein Handy. Finanzminister Giannis Stournaras bat ihn, seinen Rücktritt einzureichen.

Das tat Stavridis. Aber er ist sich keiner Verfehlung bewusst. Melissanidis habe an jenem Tag ohnehin mit seinem Jet von Athen nach Paris fliegen wollen und noch während der Unterzeichnungszeremonie angeboten, ihn mitzunehmen. Kefalonia habe am Weg gelegen, da habe der Jet dann gleich auftanken können. „Ich habe die Einladung sorgfältig abgewogen und angenommen“, sagt Stavridis. Ob er den Flug denn im Nachhinein bereue, wurde Stavridis am Montag in einem Fernsehinterview gefragt. „Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil“, sagte er. Was andere für anrüchig halten, sehe er als „ein Beispiel von Transparenz“. Die Alternative sei ein Linienflug am Dienstag früh um fünf Uhr gewesen. So habe er dank der Einladung von Melissanidis fast einen ganzen Urlaubstag gewonnen, erklärte Stavridis. Nur weil er Chef einer staatlichen Behörde sei, müsse er doch „nicht leben wie ein Mönch“.

Dass Stavridis wirklich die politische Brisanz des Flugs im Privatjet nicht erkennen will, ist schwer nachvollziehbar. Der in Zürich ausgebildete Ingenieur verfügt über reiche Erfahrung als Manager in der Privatwirtschaft, aber auch im Staatssektor. Jetzt muss Finanzminister Stournaras den Chefposten bei TAIPED bereits zum zweiten Mal in sechs Monaten neu besetzen. Das bedeutet einen weiteren Rückschlag für das ohnehin stockende Privatisierungsprogramm, denn der Nachfolger wird sich erst einmal einarbeiten müssen.

Griechenland ist mit dem Verkauf der Staatsunternehmen weit im Rückstand. 2,6 Milliarden Euro sollten dieses Jahr in die Kasse kommen, es werden aber höchstens 1,6 Milliarden sein. Wollte Athen ursprünglich bis 2020 mit den Verkäufen 50 Milliarden Euro erlösen, hat man dieses Ziel inzwischen auf 22 Milliarden zurückgenommen. Die Privatisierungen spielen eine Schlüsselrolle beim Schuldenabbau. Bleiben die erhofften Erlöse aus, könnte ein neuer Schuldenschnitt unausweichlich werden. Gerd Höhler

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