Wirtschaft : Erst messen, dann essen

Wegen Sars trauen sich kaum noch Kunden in asiatische Bars und Restaurants – Hygiene-Beauftragte sollen die Sorgen zerstreuen

Geoffrey A. Fowler,Cris Prystay

Von Geoffrey A. Fowler

und Cris Prystay

Die Begrüßung ist ungewöhnlich. Sobald sich ein Kunde im Hongkonger Restaurant „Green Willow Village“ gesetzt hat, kommt eine Hygiene-Bevollmächtigte an den Tisch. Die Frau trägt einen Krankenschwesterkittel mit einem grünen Kreuz. Sie sprüht ein Desinfektionsmittel auf die Hände der Kunden und verteilt antibakterielle Tücher. Auf einem großen Poster an der Wand steht „Sie können in Frieden essen.“ Daneben wird in Einzelheiten erläutert, wie das Restaurant die Speisen erhitzt und welche Sterilisierungsmaßnahmen es ergreift.

Ein anderes Beispiel: In Singapur steckt am weißen Hemd des Taxifahrers Choon Poh Yoon ein quadratischer, hellgelber Aufkleber mit einem Fieberthermometer. Aus Stempelaufdrucken mit Datumsangaben geht hervor, wann der 45-Jährige zum letzten Mal seine Temperatur hat messen lassen. Für die Taxifahrer Singapurs wurden dafür eigens zwölf Zentren eingerichtet. „Viele Mensche vermeiden jetzt Taxifahrten“, sagt Choon Poh Yoon. „Wenn sie den Aufkleber sehen, fühlen sie sich sicherer.“ Sein letzter Fahrgast hat während der ganzen Fahrt den Kopf aus dem Fenster gehalten.

Seit die Lungenkrankheit Sars in Honkong und Singapur grassiert, fehlen die Kunden. Damit die Konsumenten ihre selbst auferlegte Quarantäne verlassen und wieder Geld ausgeben, setzten Dienstleister nun auf Hygiene und die Garantie von Fieberfreiheit. Man wähnt sich in Restaurants und Karaoke-Bars manchmal in einem Krankenhaus. „Man muss manchmal auswärts essen“, sagt Lucy Wong, Chefin der Restaurantkette Hongkong Catering Management, die neben „Green Willow“ noch 21 weitere Restaurants betreibt.

Auch die Kirche hat auf Sars reagiert. Die katholische Diözese von Hongkong hat vorübergehend die Beichtsitten gelockert. Da die Ansteckungsgefahr für Priester in den engen Beichtstühlen nicht gering ist, nehmen sie der Gemeinde die Beichte in großen Räumen ab, wo die Luft besser zirkulieren kann. Viele Leute tragen außerdem Schutzmasken. Die Sünder, warnte Reverend Lawrence Lee, der Kanzler der Hongkonger Diözese, mit ernster Miene, würden bei einer Ansteckung nicht so leicht davonkommen. Das Hongkonger Restaurant „Tonkichi Tonkatsu Seafood“ spritzt ein Reinigungsmittel auf die Hände seiner Gäste – und versucht dann anschließend, ihnen die ganze Flasche für 13 Dollar (11,7 Euro) zu verkaufen. Der Chef des Singapurer Restaurants „Dragon Phoenix“ schwenkt neben seinem Fleisch-Messer ein digitales Ohr-Thermometer, das sekundenschnell die Temperatur anzeigt. Er winkt einen Kellnerlehrling her, zieht eine neue Plastikhülle über die Thermometerspitze und steckt es in sein Ohr. Ein Zettel an der Speisekarte versichert den Besuchern, dass das Restaurant ständig den Gesundheitszustand der Mitarbeiter prüfe. „Wenn ich das alle vier Stunden mache, müsste das ausreichen“, sagt der Geschäftsführer Chris Hooi.

Besonders leiden chinesische Restaurants unter Sars. Seit dem Ausbruch der Lungenkrankheit ist ihr Umsatz um 90 Prozent eingebrochen. Der Grund: Dort isst man normalerweise mit anderen direkt von großen Platten. Sorgen machen sich die Kunden auch wegen der Essstäbchen. Das „Dumpling House“ im Zentrum Hongkongs hat seine Plastikstäbchen gegen abgepackte Wegwerfstäbchen ersetzt. Das In-Restaurant „Fusion“ packt Silberteller und sogar Brotplatten neuerdings in Plastikfolie. Das verbreitet eine Flugzeug-Atmosphäre, die so gar nicht zur modischen Einrichtung und den trendigen Gerichten passt. Ob solche Maßnahmen die Ansteckungsgefahr von Sars mindern, sei dahingestellt – aber sie sind geschäftsfördernd. Die US-Restaurantkette „Ruby“ erklärte in der vergangenen Woche, 30 Prozent der Kunden seien zurückgekehrt, nachdem sie an 15 000 Stammkunden Informationen über Hygienemaßnahmen und einen Gutschein gemailt habe. Das Hongkonger Restaurant „Green Willow“ und andere Lokale der Kette machten seitdem wieder 80 Prozent ihres früheren Umsatzes, heißt es beim Unternehmen. Die Hygiene-Vorkehrungen „beruhigen mich etwas“, sagt der Aktienhändler Charles Low, nachdem er im Singapurer Restaurant „Dragon Phoenix“ Shrimps-Klöße gegessen hat. „Sie tun ihr Bestes. Darüberhinaus ist das Essen ziemlich gut.“

Manche Dienstleister treiben es mit der Hygiene noch weiter: Am Eingang der beliebten Disco „Queen’s“ im Hongkonger Zentrum steht neuerdings „Krankenschwester Betty“. Die große Blondine im Minirock misst den Besuchern die Temperatur. Um etwas gegen die Umsatzeinbrüche zu unternehmen, hat die Shopping-Mall „Times Square“ 13 „Hygiene Houses“ eingerichtet – wo Konsumenten beim Bummeln eine „saubere Pause“ machen können. Die Mall gibt täglich 6400 Dollar für Desinfektionstücher und -sprays, Atemschutzmasken, Abfalltüten für die Schutzmasken und Aufklebern, die vorm Händeschütteln warnen, aus. Die Aufzüge werden alle 15 Minuten gereinigt und die Fußmatten am Eingang mit antibakteriellen Reinigungsmitteln besprüht, um die Schuhsohlen zu reinigen. „Manchmal verhalten sich die Leute verrückt“, sagt der Student Fion Mak, der vorübergehend „Hygiene-Botschafter“ bei der Mall ist. „Sie hören gar nicht mehr damit auf, Tücher zu nehmen und ihre Hände mit Desinfizierungsmittel zu besprühen.“

Texte übersetzt und gekürzt von Svenja Weidenfeld (Slim-Fast), Karen Wientgen (Sars), Christian Frobenius (Wirtschaftswunder), Tina Specht (Schröder) und Matthias Petermann (Irak).

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