Wirtschaft : Erst planen, dann investieren

Vielen Anlegern fehlt eine klare Strategie/Rund 100 Depots im Test

Bernd Hops

Den meisten Privatanlegern fehlt vor allem eins: eine klare Strategie. In der Regel seien Depots nur eine Ansammlung von Finanzprodukten, die mehr oder weniger zufällig – aufgrund von Empfehlungen in Magazinen oder von Bankberatern – zusammengestellt worden sind, sagt Oliver Hagedorn, Vorstand der Avesco AG. In Kooperation mit dem Tagesspiegel hat der Berliner Vermögensverwalter in den vergangenen Wochen mehr als 100 Depots von Tagesspiegel-Lesern mit einem Volumen von insgesamt mehr als 20 Millionen Euro unter die Lupe genommen. Und die Anleger haben viele Fehler gemacht. „Nur ein einziger, der selber in Einzelaktien investiert hat, war damit wirklich erfolgreich“, sagt Hagedorn. „Einzelwerte sind so gut wie nie etwas für Privatanleger.“

In rund 90 Prozent der Leserdepots gibt es Aktien, in 64 Prozent Rentenpapiere, in 53 Prozent Geldmarktfonds-Anteile und in 35 Prozent Immobilien. Nur selten fanden sich Hedge Fonds. „Das ist aber auch nicht schlimm“, sagt Hagedorn. „Es gibt noch nicht viele gute Hedge Fonds, die man in Deutschland kaufen könnte.“

Doch auch wenn sich die meisten Anleger offenbar nicht nur auf ein Anlageprodukt konzentriert haben, gibt es Probleme bei der Streuung. Aktien und Investmentfonds werden kombiniert, obwohl ja auch die Fonds zum größten Teil aus Aktien bestehen. Und bei den Fonds haben sich die Anleger auf einige wenige der großen Marktführer konzentriert. Dabei sind in Deutschland mehr als 8000 verschiedene zugelassen.

Die richtige Zusammenstellung der Produkte ist entscheidend, sagt der Anlageexperte. Es geht nicht darum, möglichst viele Anlagen im Depot zu haben. Sondern es geht darum, solche zu kombinieren, die sich möglichst unabhängig voneinander entwickeln. Das heißt: Wenn die eine Anlage fällt, dann sollte die andere steigen können und so den Verlust minimieren. „Sehr häufig gibt es Depots, deren Teile nicht zusammenpassen“, sagt Hagedorn. Was möglich ist, zeige die Entwicklung professionell gemanagter großer Vermögen. Die seien auch in den vergangenen Jahren trotz der Kurseinbrüche an den Börsen gewachsen. Deshalb rät Hagedorn zu einem strategischen Vorgehen beim Anlegen. Und ohne professionelle Beratung komme so gut wie niemand zurecht.

Ziele setzen: „Ich muss wissen, wohin die Reise geht, um die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagt Hagedorn. Da würden Schlagwörter wie dynamisch oder konservativ zur Klassifizierung der Anleger nicht ausreichen. Besser sei es, sich zum Beispiel eine Durchschnittsrendite vorzugeben und so seinen Anlageerfolg messbar zu machen.

Pläne ausarbeiten: Ist das Ziel klar, dann sollte sich der Anleger anschauen, welche Mittel – also welche Anlageformen – ihm zur Verfügung stehen, dieses auch zu erreichen. Und er sollte dann nur solche Anlagen nutzen, die er versteht oder die ihm ein Berater verständlich erklärt. Die Auswahl sollten Anleger etwa davon abhängig machen, wie verfügbar ihr Vermögen sein muss – sprich: Wird noch gespart, um sich etwas in ein paar Jahren oder in der Rente leisten zu können – oder befindet man sich schon im Ruhestand und braucht das Geld in absehbarer Zeit.

Risikomanagement: Doch auch wenn man sich über Ziel und Weg klar sei, würden immer noch viele Fehler gemacht, sagt Hagedorn. Denn die meisten Anleger vernachlässigten das Risikomanagement. Dabei sollte man sich immer klar machen, wie groß das Risiko bei einzelnen Anlageformen ist, und sich dann fragen: „Was ist der maximale Verlust, den ich zu tragen bereit bin?“ Anleger neigen dazu, Gewinne relativ schnell mitzunehmen, aber Verluste lange zu ertragen. „Noch heute – trotz Erholung der Börse – liegen die Verluste bei den Aktien in den Depots oft bei 40 bis 90 Prozent“, sagt Hagedorn. Deshalb rät er, sich klare Vorgaben zu machen und eine Anlage – etwa eine Aktie – dann zu verkaufen, sobald die Verluste die Schmerzgrenze überschritten haben.

Zeit investieren: Das klappt natürlich nur, wenn Anleger ausreichend Zeit investieren. „Einmal die Woche einen Börsenbrief zu lesen, reicht nicht aus“, sagt Hagedorn. Deshalb sollten man lieber mehr Mühe in den Vergleich von Beratern stecken, um den besten für sich herauszufinden. Viele kauften jedoch ein paar Produkte, die ihnen empfohlen wurden, und machten dann nichts mehr, sagt Hagedorn. Die meisten Berater wiederum verkauften nur produktorientiert, ohne sich in der Folge um eine Pflege der Depots zu kümmern. Und einem Kleinanleger mit einem Depot bis 50000 rät er ohnehin: „Ein guter Aktienfonds und ein guter Rentenfonds reichen dann völlig aus.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben