Wirtschaft : Erste Entscheidung am Sonntag - der Mannesmann-Aufsichtsrat berät sich

Donata Riedel

Am späten Sonntagabend wird ein erstes Aktionärsvotum im Übernahmekampf Mannesmann-Vodafone fallen: Der Aufsichtsrat von Mannesmann wird über das Übernahme-Angebot von Vodafone-Chef Chris Gent beraten und sich die ablehnende Haltung von Mannesmann-Vorstandschef Klaus Esser begründen lassen. Wenn das Aufsichtsgremium sich dann mit großer Einmütigkeit hinter Esser stellt - womit er rechnet - hat der Vorstand weiter alle Chancen, auch andere Aktionäre zum Halten der Mannesmann-Aktie zu überzeugen.

Wenn jedoch einzelne Aufsichtsratsmitglieder für die Vodafone-Pläne stimmen, hat Esser ein Problem. Ganz auszuschließen ist dies nicht, sitzen doch mit DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp und Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle zwei Global Player im Aufsichtsrat, die in den letzten Tagen die politische Diskussion über das Verhindern von Übernahmen vermutlich mit Grausen verfolgt haben. Denn wenn Deutschland Hürden für Übernahmen aufstellen würde, müssten Schrempp und Schulte-Noelle anderswo in der Welt bei weiteren Zukäufen mit Schwierigkeiten rechnen.

Esser verlangt vor dem Hintergrund dieser Diskussion von den beiden, dass sie, wie er selbst, grundsätzlich für die Möglichkeit von feindlichen Übernahmen argumentieren, gleichzeitig aber im speziellen Fall gegen das Angebot von Vodafone Partei ergreifen. Einmal abnicken wird da kaum genügen: Die Auffsichtsratsmitglieder werden in der bis Ende Januar dauernden Auseinandersetzung nach den Gründen für ihre Entscheidung gefragt werden.

Worüber die Mannesmann-Aufseher entscheiden müssen, ist die Frage: Wer hat das zukunftsfähigere Telekommunikations-Konzept, Vodafone oder Mannesmann? Ist es der Mobilfunk allein oder die breitere Palette eines integrierten Anbieters von Sprach- und Datendiensten in Mobilfunk- und Festnetz? Damit hängt dann sehr eng die Frage zusammen, ob 53,7 Vodafone-Aktien tatsächlich ein guter Preis für eine Mannesmann-Aktie sind, angesichts der Tatsache, dass es für Vodafone sehr teuer wird, den gerade von Mannesmann gekauften britischen Mobilfunker Orange wieder zurück an die Börse bringen zu müssen.

Der Fall Vodafone müsste den Aufsichtsrat auch zum Nachdenken über eine weitere Frage anregen: Hat Mannesmann eine Chance, allein im Markt zu bestehen? Denn die geplante Abspaltung des Maschinenbau- und Autozulieferungsbereichs (MEA) führt beim Kurs nicht nur, wie beabsichtigt, zum Wegfall des Konglomeratsabschlags, sondern macht Mannesmann unabhängig von Vodafone zum Übernahmeziel.

Der Zukauf von Orange hat dabei die Telekommunkationssparte ganz offensichtlich nicht so vergrößert, dass ein Mannesmann-Kauf als aussichtslos teures Unterfangen erscheint. Vor allem von den vier großen US-Telekomriesen AT&T, Worldcom, SBC Ameritech und Bell Atlantic erwartet die Branche, dass sie bald zum Sprung über den Atlantik ansetzen werden, um den Eintritt in den seit der Liberalisierung schnell wachsenden europäischen Markt zu wagen. Mannesmann bietet als Übernahmeziel den Vorteil der zersplitterten Aktionässtruktur und den klaren Fokus auf Mehrheitsbeteiligungen in den wichtigsten europäischen Märkten.

Ganz anders als bei feindlichen Übernahmen in anderen Branchen geht es in der Telekommunikation nicht um den Abbau von Arbeitsplätzen. Auch Gents Pläne meinen keine "Zerschlagung" im gewerkschaftlichen Sinn des Wortes. Die Entflechtung von MEA kommt ohnehin, allenfalls bleibt die Frage, ob Gent den Börsengang so gut hinbekäme wie Esser.

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