Wirtschaft : Erste Streiks für die 35-Stunden-Woche

Tarifkonflikt in der ostdeutschen Metallindustrie spitzt sich zu/Arbeitgeber: 20000 Arbeitsplätze gefährdet

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Berlin (alf). Wer rechnet richtig? Die IG Metall meint, wenn die rund 300000 Arbeitnehmer in der ostdeutschen Metallindustrie drei Stunden in der Woche weniger arbeiten würden, dann müsste diese Arbeitszeit auf andere, zusätzliche Arbeitnehmer verteilt werden. Das brächte 15000 neue Arbeitsplätze. Etwas komplizierter ist die Rechnung der Arbeitgeber, die nach der Einführung der 35Stunden-Woche den Verlust von 20000 Arbeitsplätzen vorhersagen und folgenden Zusammenhang herstellen: Die Arbeitszeitverkürzung verursacht den Unternehmen zusätzliche Kosten von 8,6 Prozent. Da ein Prozent zusätzliche Lohnkosten die Beschäftigung um 0,8 Prozent verringere, würde die Arbeitszeitverkürzung sieben Prozent der Metall-Beschäftigten den Job kosten – macht in der Summe 20000 Arbeitsplätze. Behaupten die Arbeitgeber und reklamieren für sich, das Gemeinwohl im Auge zu haben. „Für uns geht der Aufbau Ost vor“, sagt Verhandlungsführer Roland Fischer.

Fischer und seine Kollegen warten jetzt ab. Am Zug ist die IG Metall, die vergangene Nacht bei Opel im thüringischen Eisenach mit Warnstreiks begann. Heute geht es in Sachsen weiter, am Dienstag in Brandenburg und Mittwoch sollen die ersten Betriebe im Ostteil Berlins bestreikt werden. Betroffen sind vor allem die Unternehmen, denen es gut geht und wo die IG Metall viele Mitglieder hat: VW in Zwickau und Dresden, Opel in Eisenach und Daimler-Chrysler im brandenburgischen Ludwigsfelde. Nach mehreren vergeblichen Anläufen zur kürzeren Arbeitszeit in den vergangenen Tarifrunden will es der ostdeutsche IG-Metall-Chef Hasso Düvel jetzt wissen. „Die Warnstreiks müssen heftig sein. Und wenn das nicht reicht, dann sind wir auch zu richtigen Streiks in der Lage.“

Düvel ist sauer. Bis Ende letzten Jahres sei er sich mit den Arbeitgebern einig gewesen, dass es einen mehrjährigen Stufenplan in Richtung 35 Stunden geben solle; nur das Wie war umstritten. Doch inzwischen „treten alle die Gewerkschaften, und die Arbeitgeber sind umgeschwenkt“, wollten sich auf nichts mehr einlassen. Also müsse mit Streiks Druck gemacht werden. Dabei hatte Düvel schon vor Wochen ein Friedensangebot gemacht, indem er die Arbeitszeitverkürzung in drei Geschwindigkeiten ins Spiel brachte. Als erstes sollte in den wirtschaftlich starken Großbetrieben kürzer gearbeitet werden, dann die Masse folgen und schließlich die Fußkranken, also die Unternehmen, denen es nicht besonders gut geht. Die Arbeitgeber lehnten ab: Ob eine oder drei Geschwindigkeiten, die längere Arbeitszeit als einer der wichtigsten Standortvorteile des Ostens ginge früher oder später verloren. Gerade im Vorfeld der EU-Osterweiterung wäre es unverantwortlich, auf diesen Vorteil zu verzichten, argumentieren die Unternehmen. Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall: „Wenn wir die wirtschaftliche Kluft in Deutschland nicht weiter vertiefen wollen, dann brauchen wir noch für eine lange Zeit den Unterschied bei der Arbeitszeitdauer.“

Aber was ist „eine lange Zeit“? Der IG Metall ist klar, dass es die 35 Stunden nur in Stufen geben kann, intern wird von einem Zeitraum von sieben Jahren ausgegangen, indem die Arbeitszeit sukzessive von 38 auf 35 reduziert wird. Sodass 2010 die Ostmetaller ebenso lange arbeiten würden wie ihre Westkollegen. Über das Schließen der „Gerechtigkeitslücke“, wie Düvel die unterschiedliche Arbeitszeit zwischen Ost und West nennt, wird erst Mitte Mai weiterverhandelt, wenn die Erfahrungen der ersten zehn Streiktage vorliegen.

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