Wirtschaft : Erstmals Messe für Ostprodukte

Fast 900 Firmen präsentieren sich in Düsseldorf den Chefeinkäufern des Handels

BERLIN/DÜSSELDORF (dw/AFP/ddpADN).Argentinisches Rindfleisch und amerikanische Maiskolben gibt es in den Regalen deutscher Supermärkte zuhauf - Spreewaldgurken, Rotkäppchensekt und Halberstädter Würstchen hingegen nicht.Die Benachteiligung ostdeutscher Lebensmittelhersteller soll nun bald ein Ende haben: Am heutigen Sonnabend eröffnet in Düsseldorf die erste "Ostdeutsche Konsumgütermesse".887 Unternehmen aus den neuen Bundesländern präsentieren sich mit ihren Produkten drei Tage lang einem Fachpublikum.Bundeskanzler Helmut Kohl, der in der Vergangenheit immer wieder eine "faire Chance" für Ost-Unternehmen gefordert hatte, erklärte am Freitag, er setze große Hoffnungen auf die Messe und erwarte "kräftige Impulse".Immerhin hätten die neuen Länder "traditionsreiche Markenartikel und neue Spitzenprodukte zu bieten". Doch im Vorfeld der Messe entlud sich erst einmal Unmut: Thüringens Landwirtschaftsminister Volker Sklenar forderte eine behördliche Kontrolle von Handelsketten wegen unseriöser Geschäftspraktiken bei der Listung ostdeutscher Lebensmittel."Was von den Produzenten verlangt wird, geht unter die Gürtellinie", sagte er am Freitag vor Journalisten in Suhl.Kostspielige Sonderleistungen von der Belieferung von Händler-Jubiläumsfeiern über fast erzwungene Sonderpreisaktionen bis zur Anmietung der Kühltruhen im Supermarkt durch die Fleischerzeuger ließen den Herstellern kaum noch Gewinnspielraum.Der Druck der Ketten sei in den vergangenen Jahren unerwartet "rasant" gewachsen.Die Selbstverpflichtung des Handels, auf übertriebene Sonderleistungen zu verzichten, habe offenbar nicht gewirkt.Viele der rund 170 Fleischverarbeiter mit 13 000 Beschäftigten in Thüringen hätten auch deshalb Probleme, ihre "qualitativ hochwertigen Waren" im Westen abzusetzen. Tatsächlich entfällt bislang nur fünf Prozent des Umsatzes im westdeutschen Lebensmittelhandel auf Ost-Produkte.Mangelnde Qualität ist dafür freilich nicht der Grund: Vielmehr haben die jungen Ostunternehmen zumeist noch zuwenig Kapital für aufwendige Werbeaktionen oder haben Schwierigkeiten, die von den Handelsketten geforderten Stückzahlen zu liefern.Dennoch gibt es große Potentiale: Die 14 größten deutschen Handelsunternehmen versprachen im Februar, den Anteil von Ostprodukten in ihren Regalen bis 1998 zu verdoppeln."Diese Zusage war kein Lippenbekenntnis", betont Thomas Werz vom Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE).Die Ostunternehmen hätten nun in Düsseldorf die einmalige Chance, ihre Produkte rund 3000 Facheinkäufern des Handels zu präsentieren. Im Vorfeld der Ost-Messe am Rhein vermeldeten die 14 in der "Einkaufsoffensive Ost des Handels" zusammengeschlossenen Kaufhauskonzerne bereits einen ersten Erfolg.1996 habe man gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent mehr ostdeutsche Konsumgüter eingekauft, erklärte Stefan Kölbl von der Wirtschaftsinitiative "wir", die die gemeinsame Aktion des Handels koordiniert.Um die geplante Verdopplung des Ost-Anteils bis Ende 1998 zu schaffen, seien weitere Anstrengungen nötig, "doch unsere 14 Mitglieder stehen nach wie vor fest zu diesem Ziel", versicherte Kölbl. Unter den 887 Ausstellern der Einkaufsmesse Ost in Düsseldorf sind 19 Betriebe aus Berlin.Spreequell Mineralbrunnen ist ebenso dabei wie das Berliner Bürgerbräu oder der Spirituosenhersteller Schilkin.Die Exakta AG präsentiert Kameras, Objektive und Blitzgeräte, die Batropa GmbH Batterien und Taschenlampen, die Spreewaffel Berlin-Pankow GmbH Waffelspezialitäten und Schlemmerküsse.Berlin Cosmetics will mit Indra und Koivo vor den Augen der westdeutschen Chef-Einkäufer bestehen.Berlins Wirtschaftssenator Elmar Pieroth zeigte sich am Tage vor der Messeeröffnung zuversichtlich: "Ob Bier und Feinkost, Spielwaren oder Batterien - Konsumgüter aus Ost-Berlin können sich in Bezug auf Preis und Qualität mit Westprodukten messen."

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