Wirtschaft : Erwartungen über Erwartungen

Henrik Mortsiefer

Yahoo hat den Gewinn von April bis Juni fast versiebenfacht. Aber die Börse hatte mehr erwartet: Yahoo-Aktien verloren am vergangenen Mittwoch mehr als elf Prozent. Fast vier Milliarden Euro war der Internet-Konzern am Abend weniger wert.

Nokia hat im zweiten Quartal 60,8 Millionen Handys ausgeliefert – 34 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Enttäuschung an der Börse: Die Aktie verlor am Donnerstag mehr als elf Prozent. Mehr als sechs Milliarden Euro Börsenwert verbrannten an einem Tag.

Google hat in den Monaten April bis Juni den Gewinn vervierfacht. Nicht gut genug für die Analysten, die einen weiteren Gewinnsprung vorausberechnet hatten. Die Aktie rutschte am Freitag ab. 2,4 Milliarden Euro Börsenwert – vernichtet.

Mit den Erwartungen der Analysten ist es so: Wer sie nicht trifft oder überbietet, wird bestraft. Betroffen sind nicht nur Technologiefirmen. Aber sie laufen mit ihren schwankenden Geschäften besonders schnell ins offene Messer der Rechenkünstler. Quartal für Quartal. Fragt man die Finanzleute, warum die Börse tickt, wie sie tickt, verweisen sie auf die Erwartungen des Marktes. Aber sind sie nicht selbst der Markt? Wer erwartet hier eigentlich was? Und von wem?

Der Ökonom und Gesellschaftsphilosoph John Maynard Keynes machte sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts schon Gedanken über die Frage, was Spekulanten wissen können und wie sie Erwartungen bilden. Keynes verglich die Börse dabei mit einem Schönheitswettbewerb: Müssten die Redakteure eines Hochglanz-Magazins aus 100 Fotos schöner Frauen die zehn schönsten auswählen, würden sie jene aussuchen, von denen sie glauben, dass auch ihre Leser sie am schönsten finden. Die Zeitschrift soll sich ja verkaufen. So ähnlich sei es auch an der Börse, meinte Keynes.

Aktien werden gekauft, weil der Käufer erwartet, dass auch andere Anleger sie kaufen. Nur dann steigt der Kurs. Die Erwartungen eines Anlegers beruhen somit immer auch auf den Erwartungen über die Erwartungen anderer Anleger. Spinnt man dies fort, ergibt sich eine unendliche Reihe sich gegenseitig beeinflussender Erwartungen. Mit Mathematik allein lässt sich das nicht beherrschen. Keynes zog daraus den Schluss, dass Anleger wesentlich von Launen, Stimmungen und vom Zufall beeinflusst werden. Alles nur Psychologie? Gewiss nicht. Nur sollten Anleger Zweifel haben, wenn Analysten behaupten, sie könnten aus der Zukunft eine Zahlenreihe machen. Wer sich allein darauf verlässt, hat sich – wie bei Nokia, Yahoo oder Google – schnell verrechnet.

über gute Zahlen und enttäuschte Analysten

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