Wirtschaft : Erzgebirgische Kunsthandwerker: Auch Fälscher lieben den Nussknacker

Claus-Dieter Steyer

Der amerikanische Nussknacker trägt stolz das Sternenbanner, die für Japan und Hongkong bestimmten Exemplare besitzen schmale Augenpartien und das bayerische Räuchermännchen stemmt natürlich ein Tablett mit mehreren Bierhumpen. Auf fast alle Wünsche können sich die Kunsthandwerker aus dem Erzgebirge an der Grenze zu Tschechien einstellen. "Vom Autorennfahrer über den Baseballspieler bis hin zum Bischof oder Feuerwehrmann stellen unsere Beschäftigten jedes Modell aus Holz her", sagt Peter Gräfe, Marketingchef der Kunstgewerbe-Werkstätten Olbernhau (KWO). Er ist mit 155 Beschäftigten der größte Betrieb dieser für die Region östlich von Dresden typischen Handwerksbranche. Vor allem in den Wochen vor Weihnachten läuft die Produktion von Nussknackern, Pyramiden, Räuchermännlein, Schwibbögen oder Spanbäumchen überall in den kleinen Orten auf Hochtouren.

Die modernen Werkstätten der Firma KWO, die wie die meisten anderen Handwerksbetriebe zu DDR-Zeiten fast ausschließlich für den Export produzierte, sind eine Ausnahme in der Region. Gerade rund um Seiffen, wo der heute in kaum einer Stube fehlende Nussknacker um 1860 erfunden wurde, dominieren kleine Familienbetriebe. Die rund 2000 Beschäftigten verteilen sich auf 250 Einzelbetriebe, heißt es beim Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller in Olbernhau. Im Vorjahr lag der Umsatz dieser kleinen Firmen bei insgesamt 80 Millionen Mark.

Reich werden die Zeichner, Schnitzer und Lackierer nicht. Denn der Stundenlohn liegt im Schnitt nur bei acht bis zwölf Mark, Spitzenkräfte verdienen nicht mehr als 16 Mark pro Stunde. "Besser überhaupt eine Arbeit als gar keine", hört der Besucher in den Werkstätten. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt im Erzgebirge bei rund 20 Prozent, in einigen Orten gerade in Grenznähe noch darüber. Die geringe Bezahlung mag angesichts des großen Absatzes von Holzkunst auf den Weihnachtsmärkten und in den Kaufhäusern überraschen. "Doch das sind leider nicht alles Erzeugnisse aus dem Erzgebirge", sagt Spielzeugmeister Volker Füchtner aus Seiffen. "Plagiate aus China und anderen Billiglohnländern machen uns stark zu schaffen."

Drei Prozesse gegen Importeure dieser oft mit bloßem Auge nicht zu erkennenden Duplikate hat der Olbernhauer Handwerksverband schon gewonnen. Doch diese gerichtlichen Auseinandersetzungen gleichen dem Katz-und-Maus-Spiel. So bald die Erzgebirgler eine Neuerung auf den Markt bringen, erscheint wenige Monate später die Fälschung aus Fernost auf den Ladentischen. Inzwischen werden sogar Farben und das für die Figuren in Deutschland verwendete Holz nach China exportiert. Für die Händler in Europa lohnt sich der Aufwand. Die niedrigen Löhne in den fernöstlichen Werkstätten sichern eine hohe Gewinnspanne und schließlich auch den Absatz. Denn die Plagiate kosten mitunter nur halb soviel wie die Originale aus Deutschland, die mit dem Stempel "Echt Erzgebirge - Holzkunst mit Herz" gekennzeichnet werden.

"Wir können uns nur mit ständigen Neuentwicklungen helfen", erklärt der KWO-Marketingleiter Peter Gräfe. "Dann hoffen wir, dass unsere Konkurrenten mit ihren Plagiaten nicht so schnell nachkommen." Neuheiten sind vor allem in den USA und Kanada gefragt, wo es viele Nussknacker-Sammler gibt. Der Mann aus Holz kommt inzwischen in 180 Modellen vor. Einst wollten die Erzgebirgler damit die Obrigkeit verspotten, denn die sollten die schweren Nüsse knacken. Rund 20 Prozent der bis zu 30 000 Nussknacker zählenden Jahresproduktion aus den Werkstätten der KWO werden heute nach Nordamerika verschifft. "Wir leiden allerdings noch unter den zu DDR-Zeiten gerade in den USA durchgesetzten Dumpingpreisen", räumt Gräfe ein. Zwischen 60 und 120 Mark liege die Spanne für einen Nussknacker. Da könne auch der Stundenlohn der Arbeiter so schnell nicht steigen.

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