Es geht auch anders : Ein schöner Zug

„Setzen Sie sich, ich kümmere mich dann um Sie“

Claus-Dieter Steyer

Zugfahren kann Freude bereiten. Unser Autor erlebte in einer privat betriebenen Bahn in Mecklenburg-Vorpommern eine Menge positiver Überraschungen.

Die Zugfahrt zwischen Parchim und Schwerin beginnt mit einem unerwarteten Lächeln einer Frau in blauer Uniform auf dem Bahnsteig. „Na, junger Mann, auf der Suche nach einem Fahrschein?“, fragt sie überschwänglich. Parchim nimmt für sich zwar in Anspruch, Kreisstadt zu sein, aber einen Fahrscheinautomaten gibt es auf dem Bahnsteig nicht. „Kein Problem“, meint die Frau um die 40, „setzen Sie sich mal ruhig in unseren Zug, und dann kümmere ich mich um sie.“ Die Fahrkarte verkaufe sie persönlich – natürlich ohne Aufpreis.

Auf der gut einstündigen Reise durch den Nordwesten Mecklenburgs folgten noch weitere Überraschungen. Den Hinweis auf die Diskussion um die letztendlich abgesagte Bediengebühr von 2,50 Euro am Fahrkartenschalter der Großkonkurrenz quittiert die Zugbegleiterin mit einem Kopfschütteln. „Wir sind privat und haben nichts mehr mit der Deutschen Bahn zu tun.“ Sie zeigt auf ihr Namensschild mit drei Buchstaben: „ola“. Die stehen für den „Ostseelandverkehr“.

Der Triebwagen blitzt vor Sauberkeit. Im hinteren Zugteil läuft das Mittagsmagazin von NDR . Wer es ruhig haben will, setzt sich einfach nach vorn. An einer Wand hängen aktuelle Tageszeitungen. Der Fahrscheinkauf für 8,10 Euro ist schnell erledigt. Man wechselt Floskeln übers Wetter, um schließlich nach einer Laptop-Steckdose zu fragen. „Wir haben eine, doch dafür müssten Sie sich auf einen anderen Platz setzen“, lautet die Antwort. Die Frau eilt nach vorn und bittet eine ältere Dame, den Platz in Steckdosennähe freizumachen.

Dann werden Bestellungen für Getränke und Speisen aufgenommen. Den Cappuccino gibt es für einen Euro, Tee kostet 60 Cent, die Bockwurst mit Toast nur 1,50 Euro. Beim Abschied aus dem wundersamen ola-Zug hilft die Zugbegleiterin sogar beim Tragen der Taschen. „Empfehlen Sie uns weiter“, sagt sie. Das wäre nicht nötig gewesen. Claus-Dieter Steyer

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