Wirtschaft : „Es geht hier um mehr Risikobereitschaft“

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Herr de Grauwe, die Europäische Zentralbank wird wohl bald die Wende einleiten und den Leitzins anheben. Ist das richtig?

Das kommt darauf an, wann sie das tut. Im Moment ist es meiner Meinung nach noch zu früh dafür. Das noch schwache Wirtschaftswachstum könnte so wieder abgewürgt werden, weil die Kredite mit einem höheren Zinssatz teurer werden. Die Preissteigerungsrate ist auch noch nicht so stark, dass eine Zinserhöhung unbedingt nötig wäre, um die Preisstabilität zu sichern.

Wann muss die Zentralbank denn die Inflation bekämpfen?

Wenn die Preise nicht stabil sind, dann ist das schlecht für das Investitionsklima. Dann können Firmen nur schwer Entscheidungen treffen, denn die Grundlage könnte sich ja ständig ändern, wenn die Preise steigen. Ob die Preise bei einer Inflationsrate von zwei oder drei Prozent stabil sind, darüber kann man sich streiten. Die EZB hat sich für zwei Prozent entschieden. Jetzt liegt sie bei 2,5 Prozent im Schnitt, aber der Ölpreis spielt ein große Rolle. Problematisch wird es, wenn die Gewerkschaften wegen der Preissteigerung höhere Löhne verlangen. Denn dann können auch höhere Zinsen die Inflation nicht mehr dämpfen. Aber das ist bisher in den meisten EU-Ländern nicht der Fall.

Die US-Notenbank achtet bei der Bestimmung ihres Leitzinses auch stark auf die Konjunktur. Schwächelt sie, wird der Zins gesenkt, damit über billigere Kredite das Wachstum angekurbelt wird. Sollte die EZB das auch stärker berücksichtigen?

Ja. Es geht darum, mehr Risikobereitschaft zu zeigen. Die US-Notenbank ist risikofreudiger. Der Automatismus zwischen Zinssenkungen auf der einen Seite und mehr Konsum und Investitionen auf der anderen funktioniert nicht immer. Die Psychologie spielt eine große Rolle. Wenn Menschen und Unternehmen pessimistisch sind, dann geben sie das Geld nicht aus, auch wenn Kredite billiger werden. In Europa haben wir diese Situation. Ich finde, dass wir den richtigen Zinssatz haben. Aber das Wachstum ist dennoch nicht richtig in Schwung gekommen.

Die EZB will die Zinsen auch wegen der gestiegenen Geldmenge erhöhen. Ist das ein Argument?

Theoretisch schon. Es ist mehr Geld im Umlauf, weil mehr Kredite wegen der niedrigen Zinsen in Anspruch genommen werden. Nur werden die Kredite gerade nicht zum Konsum oder für Investitionen genutzt, sondern hauptsächlich für den Kauf von Immobilien. Vor allem in Spanien sind deshalb die Immobilienpreise in letzter Zeit stark gestiegen. Aber das ist für mich noch lange kein Grund, die Zinsen in der gesamten Eurozone zu erhöhen.

Ist es ein Problem für die EZB, dass sie einen einzigen Zinssatz für so viele unterschiedliche Länder bestimmen muss?

Auf jeden Fall. Länder wie Irland wachsen stark, andere wie Deutschland kaum. Daher rührt auch die Lähmung, in der sich die EZB befindet. Der Zinssatz bewegt sich seit langem nicht. Vor allem Italien leidet momentan unter dem einheitlichen Zinssatz, weil dort die Gewerkschaften keine Lohnzurückhaltung geübt haben. Und die Abwertung als geldpolitisches Instrument steht der Regierung nicht mehr zur Verfügung. Italien ist deshalb weniger wettbewerbsfähig, es ist der kranke Mann Europas.

Ist die EZB unabhängig von politischem Einfluss aus den Mitgliedstaaten?

Das ist sie, sie hat sich einen guten Ruf aufgebaut. Dennoch fließt in ihr Urteil der Zustand einer großen Volkswirtschaft wie Deutschland mehr als der von Luxemburg ein.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

Paul de Grauwe

ist Professor für

die EU-Währungsunion an der Uni Leuven.

Die belgische Regierung hatte ihn 2003 als Kandidat für die EZB-Präsidentschaft vorgeschlagen.

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