Wirtschaft : Es gibt Auswege aus der Steuerfalle

REINER REICHEL (HB)

Die Jagd auf die Kleinsparer ist eröffnet. Zum Jahreswechsel werden die Sparerfreibeträge für Ledige und gemeinsam veranlagte Eheleute auf 3000 beziehungsweise 6000 DM halbiert. Nur die Werbekostenpauschalen von 100 und 200 DM bleiben unverändert. Die Folge: Viel häufiger überschreiten Anleger die Freigrenzen.Ein Sparbuch bringt läppische 1,5 Prozent Zinsen, und die jüngste Bundesanleihe wird gerademal mit vier Prozent verzinst. Doch welcher ledige Kleinanleger hat schon über 200 000 DM auf dem Sparbuch oder mehr als 75 000 DM in Bundesanleihen investiert? Dies wäre nötig, um an die neuen Grenzen zu stoßen. Also alles halb so schlimm? Mitnichten: "Manche Anleger werden staunen, wie schnell sie die Freibetragsgrenzen überschreiten", sagt Thomas Lange, Wertpapierstratege der Commerzbank. Sieben Jahre ist es her, daß zehnjährige Anleihen Kupons von acht Prozent und mehr trugen. Wer sie im kommenden Jahr noch hält, der überschreitet mit 40 000 DM Anlagesumme die Freigrenze einschließlich Werbekostenpauschale. Grund zum Handeln?Ja, doch blinder Aktionismus schadet nur. Zuerst kommt die Analyse: Wie hoch werden Zins- und Dividendeneinnahmen in den Jahren 1999 und 2000 sein, wenn ich das angelegte Geld nicht anders verteile? Mit welchem Steuersatz werden meine über die Freigrenze hinausgehenden Kapitalerträge überhaupt belastet? Wer unterhalb der neuen Freigrenze bleibt, sollte darauf achten, daß er sie mit den Erträgen zusätzlicher Geldanlagen nicht überschreitet. Und wer sie überschreitet, muß sich dennoch nicht zwangsläufig von hochverzinslichen Anlagen trennen. Zum einen, weil damit Verluste verbunden sein können. Zum anderen, weil Käufe und Verkäufe von Wertpapieren immer mit Nebenkosten verbunden sind und darüber hinaus die Spekulationsfrist von einem Jahr zu beachten ist. Außerdem ist es allemal sinnvoller, auf 8,5 Prozent Zinsen 50 Prozent Steuern zu zahlen, als vier Prozent Zinsen steuerfrei zu kassieren.Wie hoch die Steuerbelastung ist, läßt sich nach einem Blick in den Einkommensteuerbescheid für das Vorjahr abschätzen. Daß die ab dem Jahr 2000 gültige zweite Stufe der Steuerreform zu groben Schätzfehlern führt, ist auch nicht zu befürchten. Ein höherer Grundfreibetrag sowie ein niedrigerer Eingangs- und Spitzensteuersatz haben bei Ledigen, deren zu versteuerndes Einkommen zwischen 30 000 und 110 000 DM beträgt, praktische keine Bedeutung.Danach kann folgende Faustregel helfen: Je höher das zu versteuernde Einkommen ist, desto eher ist bei Überschreiten der Freibetragsgrenze eine Umschichtung sinnvoll. Leitlinie sollte sein: wiederkehrende Zins- und Dividendenzahlungen gegen mögliche Kursgewinne tauschen. Letztere werden nämlich nach Ablauf der Spekulationsfrist nicht besteuert. Der Haken: Niemand kann Kursgewinne garantieren. Nennenswerte Kursgewinne lassen sich eher mit Aktien als mit Anleihen realisieren. Eine Umfrage bestätigt: Banken und Sparkassen werden die Kürzung des Sparerfreibetrags nutzen, bei langfristig orientierten Kunden für Aktienfonds zu trommeln. Vereinzelt wird auch vorgeschlagen, einen Teil des Geldes in Indexzertifikaten anzulegen. Doch bleiben Anleger, die Aktien scheuen, nicht im Regen stehen. Es gibt eine Vielzahl von Vorschlägen, ein Portfolio steuerlich zu optimieren. Der Einfachheit halber wird jeweils von einem ledigen Anleger mit einem Freibetrag von 6000 DM in diesem und 3000 DM im nächsten Jahr plus unverändert 100 DM Werbekostenpauschale ausgegangen. Besitzt der Anleger hochverzinsliche Anleihen aus früheren Jahren, kann er sie in niedrigverzinsliche Anleihen tauschen. Etwa so: Verkauft wird eine zehnjährige Bundesanleihe aus dem Jahr 1996 mit einem Kupon von sechs Prozent zum Kurs von 113 Prozent. Der Verkäufer kassiert zunächst in diesem Jahr einen steuerfreien Kursgewinn von 13 Prozent. Er kauft dafür einen nur mit 1,65 Prozent verzinsten Pfandbrief zum Kurs von 97,8 Prozent. Da die Anleihe zu 100 Prozent zurückgezahlt wird, realisiert er bis zum Laufzeitende einen steuerfreien Kursgewinn.Exakt kalkulierbar sind Zinshöhe und Steuerregeln bei Festgeldanlagen und Bundesschatzbriefen. Ist in diesem Jahr bei den Freibeträgen noch Luft, im nächsten Jahr aber keine mehr, sollte die Festgeldanlage nicht über den Jahreswechsel hinausgehen. Bei Bundesschatzbriefen vom Typ B werden die Zinsen nach sieben Jahren gezahlt und versteuert. Wer im Jahr der Zinszahlung das Überschreiten seines Freibetrags riskiert, gibt die Papiere besser in diesem Jahr noch zurück. Nach einer einjährigen Sperrfrist ist dies bis zur Höhe von 10 000 DM monatlich möglich.

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