Wirtschaft : „Es herrschen andere Gepflogenheiten“

Corporate-Governance-Experte Christian Strenger über Siemens und die Macht der Aufsichtsräte

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Herr Strenger, bei der Bewältigung der Korruptionskrise spielt der Siemens-Aufsichtsrat eine zentrale Rolle. Ist das ein Indiz dafür, dass das Gewicht der Aufsichtsräte zunimmt?

Das trifft zu und ist ja auch so gewollt – zumal bei Personalentscheidungen von großer strategischer Bedeutung. Viele Aufsichtsräte verstehen zunehmend, dass sie eine Menge Pflichten haben. Statt nur im Geschäftsbericht zu stehen und regelmäßig zweistündige Sitzungen mit anschließendem Essen wahrzunehmen, herrschen inzwischen andere Gepflogenheiten. Das hat auch mit den strengeren Haftungsregeln im Aktiengesetz zu tun. Aufsichtsräte müssen sich vor wichtigen Entscheidungen umfassend informieren, sonst haften sie später für Fehler. Es ist also Besserung zu verzeichnen.

Aufsichtsräte sind paritätisch besetzt. Hat sich die Mitbestimmung – auch bei den jüngsten Beispielen (Siemens, VW) – bewährt?

Nein. Auch Siemens zeigt, dass die Gewerkschaften weiterhin ein zu großes Gewicht in den Aufsichtsräten haben. Es führt dazu, dass schwache Vorstände sich mit den Arbeitnehmern arrangieren, um wiedergewählt zu werden. Die IG Metall weint Klaus Kleinfeld Krokodilstränen nach. Vorher hat sie im Aufsichtsrat eine Menge getan, um den zupackenden Vorstandschef abzusägen.

Ist die Ablösung Kleinfelds nicht sauber gelaufen?

Die Verabschiedung von Kleinfeld war keine Ruhmestat – für keinen der Beteiligten. Die Vorbereitung solcher Entscheidungen gehört in das Aufsichtsratspräsidium und nicht in die Öffentlichkeit. Aber auch Kleinfeld hätte sich entspannter verhalten können. Es ist doch beachtlich, was er unter enormem Druck geschäftlich geschafft hat. Wenn er sich, wie er sagt, in der Korruptionsaffäre nichts vorwerfen muss, hätte er einer späteren Vertragsverlängerung zustimmen sollen. Mit der Zusage, sofort zurückzutreten, wenn Wesentliches an ihm hängen bliebe, hätte er auch aus Sicht der US-Börsenaufsicht Siemens-Chef bleiben können.

Nun will er einen schnellen Wechsel zu seinem Nachfolger ermöglichen. Es zeigt sich, dass Vorstände überhaupt generell schneller ausgewechselt werden. Woran liegt das?

Das Geschäft ist schneller und transparenter geworden. Der Einfluss internationaler Investoren wächst. Aber auch die Aufsichtsräte erhöhen aus den erwähnten Gründen den Druck.

Der Corporate-Governance-Kodex lehnt den automatischen Wechsel von Ex-Vorstandschefs an die Spitze des Aufsichtsrates ab. Reicht diese Empfehlung, oder brauchen wir ein Gesetz?

Ein Gesetz muss nicht sein, weil es genügend Beispiele gibt, wo ein solcher Wechsel sinnvoll war. Aber der noch überwiegende Automatismus ist schlecht. Obwohl der Kodex empfiehlt, dass der automatische Wechsel nicht die Regel sein soll, gilt das immer noch bei 16 von 30 Dax-Unternehmen. Das sollte sich ändern.

Das Interview führte Henrik Mortsiefer.

Christian Strenger

ist Mitglied der Regierungskommission Corporate Governance und Aufsichtsrat der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS, einer Tochter der Deutschen Bank.

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