Wirtschaft : „Es ist das große Jammerjahr“

Personalberater Wilhelm Friedrich Boyens über unentschlossene Manager, starke Politiker und den sehr guten Nachwuchs in Deutschland

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Herr Boyens, Sie beraten die Topmanager der deutschen Wirtschaft. Und die kennen zurzeit nur rote Zahlen und Entlassungen. Auch die Politik wirkt kopflos. Haben wir in Deutschland das richtige Führungspersonal?

Eigentlich bräuchten wir einen Managertyp, der exzellent restrukturieren kann und in diesen schwierigen Zeiten genau weiß, was zu tun ist. Die meisten Führungskräfte in der Wirtschaft sind eher auf ihr normales Geschäft, auf Expansion und auf die Zukunft ausgerichtet.

... SchönwetterManager?

Sagen wir es so: Es gibt zu wenige Manager mit der notwendigen Entschlossenheit und Konsequenz. Es ist ja auch unangenehm, Arbeitsplätze zu streichen, Unternehmen komplett umzubauen oder, wie in der Politik, den Bürgern harte Einschnitte in das Sozialsystem zu vermitteln.

Die Lage ist also hoffnungslos?

Nein. Wir reden viel zu schnell von Rezession oder Krise. Wir haben eine wirtschaftliche Schwächephase, das ist eindeutig. Aber ich könnte Ihnen eine große Anzahl von Unternehmen nennen, denen es wirklich gut geht. Die trauen sich derzeit nur nicht, dies lauthals zu verkünden. Der Deutsche hat eine Neigung, sich selbst zu bemitleiden oder in das Konzert der Leidenden einzustimmen. Es ist eben das große Jammerjahr.

Was ist zu tun?

Um Klarheit zu gewinnen, müssen wir viel genauer hinsehen, nach Branchen differenzieren und nach einzelnen Unternehmen. Dabei käme heraus, dass alles gar nicht so dramatisch ist. Geld ist da, das sehen sie an der hohen Sparquote, der Deutsche hat ja einen regelrechten Spartick. Das macht dem Handel natürlich schwer zu schaffen. Anderen Branchen wiederum geht es gar nicht schlecht. Den Automobilherstellern oder deren Zulieferern. Dort finden Sie übrigens auch sehr erfahrene Krisenmanager.

Für die Industrie mag Ihr Optimismus noch gerechtfertigt sein ...

In der Politik ist es auch nicht anders als in der Wirtschaft. Jede Zeit braucht ihren eigenen Managertyp. Starke Persönlichkeiten wie Adenauer oder Schmidt sind rar gesät. Menschen, die den großen Wurf wagen, gibt es nur selten – vielleicht nur alle zwanzig Jahre. Das ist in der Politik so wie in der Wirtschaft. Die richtigen Gedanken haben viele Führungskräfte. Aber die wenigsten können sie auch durchsetzen.

Dann sollten Führungskräfte regelmäßig ausgetauscht werden?

Regelmäßig sicher nicht, aber wenn erwiesen ist, dass jemand nicht mehr der Richtige für eine Aufgabe ist, muss entschlossen gehandelt werden. Dies ist die wichtigste Aufgabe eines Kontrollgremiums, eines Aufsichts- oder Beirates.

Gibt es Beispiele?

Ron Sommer war für die Phase der Telekom-Privatisierung und den radikalen Aufbruch einer ehemaligen Behörde in ein börsennotiertes Unternehmen sicherlich der richtige Mann. Jetzt haben wir eine völlig andere Situation. Es ist schwer, den richtigen Zeitpunkt für einen Wechsel zu treffen. Genau zu bestimmen, in welcher Phase sind wir jetzt? Die Fälle, in denen Einschnitte klar definiert werden können, sind eher selten – etwa bei einer drohenden Insolvenz.

Was können Manager besser als Politiker?

Führungskräfte aus der Wirtschaft müssen nicht ständig Kompromisse treffen, müssen nicht nach Mehrheiten schielen. Insofern haben sie es leichter. Wenn der Aufsichtsrat eine Entscheidung erst einmal abgesegnet hat, trägt der Manager die Verantwortung und kann handeln. Ein Mann aus der Wirtschaft traut sich eher, Entscheidungen, auch gegen Widerstand, zu treffen. Der Politiker ist konsens- und kompromissgetrimmt. Der Manager ist konsensorientiert, aber entscheidungsfreudig.

Solche Qualitäten sind jetzt in der Politik gefordert.

Diese Qualitäten kann man sicher nicht eins zu eins übertragen. Wer als Manager in der Politik so handelt wie an der Spitze eines Unternehmens, hat große Chancen zu scheitern. Er geriete unmittelbar in dieses Geflecht von Interessengruppen und Parteidisziplin. Die Geschäfte sind deshalb nur bedingt vergleichbar. Dennoch: Ein wenig mehr Sachverstand vor allem in Wirtschafts- und Finanzfragen täte der Politik gut.

Wer könnte sich durchsetzen?

Da fallen mir spontan keine Namen ein. Solche Kandidaten brauchen einen guten Intellekt, breite Sachkenntnis, hohe Kommunikationsfähigkeit, Stehvermögen und möglichst auch wirtschaftliche Unabhängigkeit. Ich könnte mir Manager wie Postchef Klaus Zumwinkel oder den Tui-Vorstandsvorsitzenden Michael Frenzel oder Heinrich von Pierer von Siemens gut als Bundeswirtschaftsminister vorstellen. Nur würden sie es wahrscheinlich nicht tun, da sie die Freiräume in der Unternehmensführung im Zweifel schätzen gelernt haben und andererseits der schwache Kompetenzrahmen des Bundeswirtschaftsministeriums jedem bekannt sein dürfte.

Ministerjobs sind nicht attraktiv genug?

Helmut Schmidt sagte einmal, die meisten Manager seien keine Unternehmer, sondern Administratoren. So können Sie es auch für die Politik halten: Die meisten Politiker administrieren vor sich hin, unterliegen viel zu stark den Einflüssen von Parteien und Interessenverbänden und schielen danach, partout wiedergewählt zu werden. Eigenständige Köpfe wie Joschka Fischer oder Otto Schily sind doch schon eine Ausnahme. Da können sich Politik und Wirtschaft getrost die Hand geben.

Welcher Politiker hätte denn das Zeug, einen Industriekonzern zu leiten?

Es gibt einige Fälle, in denen Politiker an Unternehmensspitzen kläglich gescheitert sind. Andererseits sind Detlev Karsten Rohwedder und Lothar Späth Beispiele für Persönlichkeiten, die Erfolge auf beiden Seiten vorweisen können. Politiker müssen mit äußerst komplexen Sachverhalten umgehen, sie vereinfachen und entscheiden. Wer das erfolgreich beherrscht, könnte ohne weiteres ein großes Unternehmen führen. In den Vereinigten Staaten ist dies völlig normal.

Warum kommen wir bei der Lösung unserer Probleme nicht voran?

Wir stehen uns mit unserer Kompromisskultur selbst im Wege – allen voran unsere Politiker. Deshalb finde ich es gar nicht so schlecht, dass zur Zeit einige Interessengruppen laut aufschreien und sich gegen die Regierungspläne zur Wehr setzen. Das ist ein gutes Zeichen, weil offenbar Entscheidungen getroffen werden, die spürbar sind. Aufschreie allerdings sind gerechtfertigt, wenn eine Regierung unbalancierte, undurchdachte und die Effizienz der Wirtschaft benachteiligende Gesetze oder Maßnahmen trifft. Vergessen wir eines nicht: Nur eine funktionierende, international wettbewerbsfähige Wirtschaft schafft dauerhafte Arbeitsplätze.

Der Konsens sollte aufgekündigt werden?

Wir brauchen einen anderen Konsens. Die staatliche Fürsorge ist am Ende, wir Bürger überfordern unseren Staat. Es geht um die Frage, was ist fair, wo können die notwendigen Einschnitte gemacht werden?

Gibt es Vorbilder?

Deutschland muss nicht unbedingt nach Vorbildern suchen. Ganz ohne Arroganz – das haben wir nicht nötig. Von den Schweden oder den Holländern könnten wir etwas lernen. Die mussten auch harte Einschnitte machen, nachdem ihnen das Sozialsystem aus den Fugen geraten war.

Den Gewerkschaften wird oft vorgeworfen, die Sanierung von Unternehmen zu behindern. Blockieren sie auch die politische Erneuerung?

Gewerkschaften haben ein großes Beharrungsvermögen und sind gut darin, ihre eigenen Standpunkte durchzusetzen. Sie sind nun einmal ein starker Faktor in unserem Wirtschafts- und Staatssystem. Sie unterliegen immer wieder einem Kardinalfehler: Sie schützen „auf Teufel komm raus“ ihre Klientel und bürden den Unternehmen Regularien und Kosten auf, die schlicht nicht bezahlbar sind und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nachhaltig schwächen. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, beklagen sie lauthals die Ineffizienz des Managements, die sie in den meisten Fällen selbst herbeigeführt haben.

Wenn uns krisenerfahrene Manager fehlen, bilden wir unsere Führungskräfte denn richtig aus?

Unser Nachwuchs ist sehr gut. Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. In vielen deutschen Unternehmen haben Mitarbeiter im Alter von 35 Jahren schon sehr verantwortungsvolle Positionen übernommen. Das ist keineswegs selbstverständlich, aber Krisenerfahrung hat noch eine ganz andere Qualität. Wirklich krisenerfahren sind die wenigsten Manager. Und Krisen erfolgreich managen können noch weniger.

Seit Veröffentlichung der Pisa-Studie sieht es aber so aus, als habe Deutschland auch in der Bildung völlig versagt.

Ach, wir jammern auf ziemlich hohem Niveau. Es wird zu sehr die Misere in den Vordergrund gestellt. Wir haben nach wie vor einen soliden und gut ausgebildeten Nachwuchs in der ganzen Breite. Wir fördern allerdings die Hochleistung zu wenig. Der Deutsche hat nach wie vor ein gespaltenes Verhältnis zum Begriff der Elite. Denken Sie an den Begriff der Elitedivision – historisch ungut besetzt. Aber wir dürfen uns nicht scheuen, Eliten auszubilden, den Fähigsten ihre Chance in Deutschland zu geben und sie auf jede erdenkliche Art und Weise, wie das Beispiel der guten privaten Hochschulen es belegt, zu fördern.

Also gibt es doch Vorbilder?

Amerika oder Frankreich sind uns in der Elitenförderung deutlich voraus. Diese Länder sind andererseits viel schwächer in der soliden, breiten Ausbildung. Zu gern hätten die Amerikaner den deutschen Ingenieur oder Facharbeiter. Da macht sich die breite Ausbildung des Systems in Deutschland nach wie vor positiv bemerkbar.

Das Gespräch führte Dieter Fockenbrock .

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