Wirtschaft : „Es ist reichlich Porzellan zerschlagen worden“

NAME

Herr Helmer, schon wieder eine schlimme Woche an der Börse. Warum?

Im Moment kann man überhaupt nicht mehr verstehen, warum die Kurse so schwach sind. Die Konjunktur zieht an. Also sollten auch die Aktienkurse etwas freundlicher aussehen. Die Erfahrung lehrt, dass solche Situationen nur von kurzfristiger Natur sind.

„Kurzfristig“ ist hier recht lang. Seit fast zwei Jahren zeigen die Kurse nach unten.

Es ist in dieser Zeit auch reichlich Porzellan zerschlagen worden. Das fängt beim Neuen Markt und seinen diversen Skandalen an. Das hört bei Enron, bei Bilanztricks und skrupellosen, blauäugigen, aber auch kriminellen Managern nicht auf. Dazu gehören neue Produkte wie Aktienanleihen, Aktiendoppelanleihen oder Zertifikate, die nur den Banken nützen, aber die Anleger verwirren.

Wo sehen Sie Abhilfe?

Vertrauen wieder aufzubauen, wird lange dauern. Jahre vielleicht. Und es wird nur gelingen, wenn sich die Banken wieder auf die Wurzeln im Anlagegeschäft besinnen: Solide Wertpapiere empfehlen.

Können Sie derzeit Papiere empfehlen?

Viele Dax-Werte liegen unter dem Niveau vom 20. September 2001, also unter dem Tiefpunkt nach den Anschlägen in den USA. Versicherungen etwa oder die Telekom. Bei Deutscher Bank oder etwa Daimler-Chrysler wäre ich auch jetzt noch vorsichtig, weil sie immer noch teurer sind als im September.

Ihre Prognose für die Börse?

Es kann noch einmal auf 3900, vielleicht 3800 Punkte im Dax runtergehen. Danach werden sich die Anleger vermutlich bis zur Bundestagswahl gedulden müssen. Bei klaren Mehrheiten wäre viel gewonnen. Dann würden auch Amerikaner und Briten wieder verstärkt deutsche Aktien kaufen. Aber auch die Entwicklung an der Wall Street ist wichtig. Die deutsche und die europäischen Börsen können sich von der Leitbörse New York nicht abkoppeln.

Wie wichtig sind die Unternehmensgewinne, die vermutlich im ersten Halbjahr steigen?

Sie sind ausschlaggebend für die Richtung im Dax. Aber leider werden einige Unternehmen noch von schlechten Zahlen berichten. Gewinnwarnungen wird es weiter geben.

Ist die Aktienkultur in Deutschland noch zu retten?

Ich bin 35 Jahre im Börsengeschäft. Eine so extreme Phase wie seit Anfang 2001 habe ich noch nicht erlebt. Es gab aber auch keinen Neuen Markt, an dem Banken, Unternehmen, Anleger und Börse fahrlässig gehandelt haben.

Trifft der Dauer-Crash an der Börse die gesamte Wirtschaft?

Den Privatanlegern sind in nur zwei Jahren an der Börse 160 Milliarden Euro durch die Finger geflutscht. Der Kauf eines neuen Autos oder Kühlschranks bleibt aus. Das Geld fehlt der Konjunktur.

Das Gespräch führte Rolf Obertreis.

0 Kommentare

Neuester Kommentar