Wirtschaft : „Es ist schade um jeden Arbeitsplatz“

Gemischte Gefühle bei den Beschäftigten im Motorenwerk in Berlin-Marienfelde

Philipp Lichterbeck

Berlin - „Chrysler ist für uns ein Klotz am Bein.“ Michael S., der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, sagt es offen heraus. Er kommt im Nieselregen zur Schicht im Daimler-Motorenwerk in Berlin-Marienfelde. Am Abend zuvor hat er aus dem Fernsehen vom möglichen Verkauf von Chrysler und der Entlassung von 13 000 Kollegen in den USA erfahren. Doch der 48-Jährige hat nur wenig Mitgefühl mit den Amerikanern. „Die Solidarität hört für mich am Atlantik auf“, sagt er. „Das Hemd ist mir näher als der Rock.“ Dabei arbeitet S. selbst in einer Abteilung, die Sechs-Zylinder-Motoren produziert, die auch in Fahrzeuge von Chrysler eingebaut werden. „Wir haben aber nie an das Global-Player-Konzept geglaubt, von dem die Manager immer reden“, sagt er. „Ich habe das Gefühl, dass mein Arbeitsplatz sicherer wird, wenn wir uns von Chrysler trennen.“

Nicht alle der 3000 Beschäftigten, die bei Daimler in Berlin arbeiten, sehen das so. Allerdings sind nur wenige bereit, sich bei Schichtwechsel vor dem Werkstor zu äußern. Einer, der es tut, ist Dirk Altmann. Er arbeitet seit vier Jahren in der Qualitätskontrolle. „Es beunruhigt mich, wie leichtfertig heutzutage über die Schicksale von Menschen entschieden wird“, sagt er. Und er findet es „kurios“, dass das Gesamtunternehmen Daimler-Chrysler mehrere Milliarden Euro Gewinn einfahre und dennoch im großen Stil Mitarbeiter entlasse.

Ob die Jobs in den USA oder in Deutschland verloren gehen, ist für Altmann egal. „Wenn so etwas in Amerika passiert, verunsichert auch mich das. Ich weiß gar nicht mehr, wo es hingehen soll. Wir steuern auf eine moderne Sklaverei zu, weil die Arbeiter sich nicht mehr wehren können.“

Hermann Junker formuliert es nicht so radikal, doch auch er ist nicht einverstanden mit der Konzernpolitik. Seit 25 Jahren arbeitet er für Daimler, in Berlin baut er Ölpumpen. Der Mittfünfziger spricht vom „Gefühl der Solidarität“ mit den Kollegen in den USA. „Es ist schade um jeden Arbeitsplatz, egal wo.“ Die Fehler seien aber schon gemacht worden, als Daimler mit Chrysler fusionierte. „Das ist jetzt die Konsequenz .“

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