Wirtschaft : Es ist Zeit zu konsumieren

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Von Henrik Mortsiefer

War da was? Als JeanClaude Trichet am Donnerstag mitteilte, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen nicht verändert, fiel der Eurokurs für ein paar Minuten um ein paar Cent. Anschließend fand er sich ungefähr dort wieder ein, wo er vor Trichets Pressekonferenz gelegen hatte. Business as usual am Devisenmarkt? Manchmal sind die unspektakulären Nachrichten die guten Nachrichten: Die EZB lässt sich von den zahlreich vorgetragenen Forderungen nach einer Zinssenkung nicht aus dem Konzept bringen. Hartnäckig wie einst die Bundesbank oder ungerührt wie der Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, verfolgt sie ihren geldpolitischen Stabilitätskurs. Das nennt man Unabhängigkeit. Doch so professionell cool sich Trichet auch geben mag und muss; die Nachrichten, die er von seinen Volkswirten bekommt, sollten ihn ein wenig nervös machen. Denn die Konjunktur kommt keineswegs so geschmeidig und zuverlässig in Schwung, wie die Notenbank es offiziell darstellt und fast alle Experten erwartet haben.

Das Geschäftsklima hat sich wieder verschlechtert, die Arbeitslosigkeit steigt stärker als zu dieser Jahreszeit üblich, die private Nachfrage bleibt schwach. Und der jüngste Rückgang des Eurokurs täuscht nicht darüber hinweg, dass die Währung teuer bleibt. Die Höchststände der vergangenen Monate machen sich vielfach erst jetzt in den Bilanzen und Statistiken bemerkbar. Besteht also Handlungsbedarf für die EZB? Es ist Zeit zu konsumieren und Zeit zu investieren, hat Trichet am Donnerstag gesagt. In der Tat. Unternehmen und Verbraucher sind jetzt am Zug, die Konjunktur in Gang zu bringen. Die Politik sollte ihnen endlich die verlässlichen Rahmenbedingungen schaffen, die im Reformchaos aus dem Blick geraten sind. Erst wenn das geschafft ist, kann die EZB wieder etwas lauter über neue Zinsschritte nachdenken.

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