Wirtschaft : Es summt nicht mehr

In den USA bedroht der massenhafte Tod der Bienen die Landwirtschaft. Die Wissenschaftler sind ratlos

Heike Jahberg,Rita Neubauer

San Francisco/Berlin - Gene Brandi aus dem kalifornischen Los Banos ist entsetzt. Im vergangenen Jahr hatte der Imker 2000 Bienenstöcke, nun sind es nur noch 1200. „Eine Katastrophe”, sagt Brandi. Andere hat es noch schlimmer getroffen. Sein Kollege David Bradshaw aus dem kalifornischen Visalia verlor sogar 90 Prozent seiner Bienenstöcke und fürchtet nun um seinen Lebensunterhalt.

Unter den amerikanischen Imkern und Landwirten geht die Angst um. Massenhaft verschwinden Bienen, und keiner weiß warum. Immer mehr Bienenhalter, die nach den Wintermonaten ihre Bienenstöcke öffnen, berichten das Gleiche: Es sind keine Bienen da, weder lebendige noch tote. Wenn überhaupt, sitzt noch die Königin im Bau, umringt von einigen Jungtieren. Doch sie alle verhungern, weil die Arbeitsbienen, die die Nahrung herbeischaffen, fehlen.

Bienenvolk-Kollaps oder CCD (Colony Collapse Disorder) nennen die Wissenschaftler das Phänomen. Ein Viertel der 2,4 Millionen Bienenstöcke und damit Milliarden von Honigbienen sind bereits verschwunden, schätzt der US-Imker-Verband Apiary Inspectors of America. Mehr als die Hälfte aller Bundesstaaten in den USA ist betroffen, auch Teile Kanadas.

Nicht nur die Imker machen sich Sorgen, auch das US-Landwirtschaftsministerium ist alarmiert. 80 Prozent der Bestäubungen von Obstbäumen und Gemüsen erledigen Bienen, rund ein Drittel der Ernährung der Amerikaner basiert auf Pflanzen, die von Insekten bestäubt werden. Aber auch Steakliebhaber sind betroffen. Rinder ernähren sich unter anderem von Luzernen, die von Bienen bestäubt werden.

Wissenschaftler arbeiten seit Monaten fieberhaft daran, herauszufinden, was das massive Bienensterben auslöst. Nun haben sie einen ersten Krankheitserreger gefunden, einen Parasiten mit Namen „nosema ceranae”, erklärt Diana Cox-Foster, Insektenexpertin an der Pennsylvania State University. Andere haben die Varroa-Milbe im Verdacht. Der Parasit setzt den Bienen erheblich zu. Die Milbe sticht das Insekt an und hinterlässt ein kleines Loch im Chitin-Panzer der Tiere, durch das Sekundärinfektionen eindringen können.

Der Vorsitzende des Berliner Imkerverbandes, Jürgen Hans, vermutet, dass Antibiotika zum Bienenschwund beitragen. In den USA seien fast alle Tiere mit Medikamenten behandelt, damit sie nicht an „Faulbrut“ erkranken. In Deutschland sei das anders. Denn bei uns würden die Bienen vor allem für die Honiggewinnung eingesetzt, in den USA dagegen zur Bestäubung von Pflanzen.

US-Umweltschützer glauben dagegen, dass die einseitige Agrarwirtschaft schuld sei, die den Tieren die Nahrungsgrundlage entziehe. Kritisch sehen sie auch den Anbau genmanipulierter Pflanzen, wie Raps, Bt-Mais und Bt-Baumwolle, die in den USA großflächig angebaut werden. Die größte Umweltorganisation der USA, der Sierra Club, hat sich bereits an den US-Senat gewandt und gefordert, den Zusammenhang zwischen Gentechnik und Bienensterben unter die Lupe zu nehmen. Die Umweltschützer verdächtigen ein Toxin-Gen des Bodenbakteriums „Bacillus thuringiensis” (Bt), das in den insektenresistenten Mais- und Baumwollpflanzen enthalten ist.

In Deutschland glaubt man nicht an einen Zusammenhang zwischen Gentechnik und Bienensterben. BT-Mais sei nicht chronisch giftig für Bienen, heißt es im Bundesverbraucherschutzministerium. Dennoch ist Minister Horst Seehofer (CSU) alarmiert. „Der Minister will wissen, ob das Bienensterben auch bei uns auftreten könnte“, sagte eine Sprecherin dieser Zeitung.

Noch braucht sich Seehofer aber nicht zu sorgen. „In diesem Winter sind nur 8,9 Prozent der Völker verschwunden“, sagt Petra Friedrich vom Deutschen Imkerbund, der 81 000 der 84 000 deutschen Imker vertritt. Das sei ein ganz normaler Wert. Völkerverluste von zehn Prozent könnten „locker ersetzt“ werden.

Obwohl das rätselhafte Bienensterben Deutschland bislang nicht erreicht hat, sind auch die hiesigen Imker in Sorge. Denn besonders auf dem Land finden die Tiere nicht genug Futter. Das liegt an den Monokulturen in der Landwirtschaft. Ist der Raps im Frühjahr verblüht, finden die Bienen kaum noch Blumen oder Blüten.

Verglichen damit ist das Bienenleben in Berlin paradiesisch. „Berlin ist eine grüne Stadt“, sagt der Berliner Imker Jürgen Hans. In den Gärten, Parks und Wäldern haben die Tiere bis zum Herbst ausreichend Nahrung. 500 Imker gibt es in der Stadt, die meisten betreiben die Bienenzucht als Hobby. Aber auch hierzulande müssen sich die Bienen mit härteren Umweltbedingungen arrangieren. Weil der Herbst immer wärmer wird und immer länger dauert, seien die Bienen auch länger aktiv als früher, sagt Hans. Während sich die Tiere in der Vergangenheit im September in den Stock zurückgezogen und Winterruhe eingelegt haben, sind sie jetzt im Stress. Für einige ist das zu viel: Manche Arbeitsbiene kehrt daher aus der Winterpause nicht zurück.

Weitere Informationen unter www. deutscherimkerbund.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar