Wirtschaft : „Es wird ein gutes Autojahr“

VDA-Präsident Bernd Gottschalk erwartet Trendwende auf dem Automarkt. Die Gründe: Hoher Ersatzbedarf und neue Modelle

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Herr Gottschalk, der Schwung der Internationalen Automobilausstellung IAA ist offenbar ausgeblieben. Bei den Neuzulassungen sieht es 2003 nicht besser aus als 2002. Wie bewerten Sie das Autojahr 2003?

Es gab fast 3,25 Millionen Neuzulassungen. Das haben wir erwartet. Der Effekt der IAA ist nicht verpufft. Die Nachfrage verzögert sich, sie hat sich nur aufgestaut. Das Interesse an den neuen Modellen auf der IAA war riesig. Dies wird sich 2004 im Absatz niederschlagen. Einige Modelle stehen noch nicht in den Schauräumen. Andererseits sind die Menschen immer noch verunsichert wegen der Reformen und der Folgen für ihren Geldbeutel. Aber der Zulauf in die Autohäuser hat deutlich zugenommen. Das ist ein positives Zeichen. Die Kaufentscheidungen werden kommen.

Was bedeutet die Steuerreform für den Automarkt?

Halbe Steuerreform heißt natürlich auch halbe Wirkung, aber entscheidend wird die Psychologie sein und damit die Frage, wie sich die Steuererleichterungen beim potenziellen Autokäufer auswirken. Als allein entscheidender Impuls für den Automarkt reicht das nicht. Aber wir haben noch andere positive Faktoren. Die Fahrzeuge sind im Schnitt fast acht Jahre alt, der Ersatzbedarf ist also hoch und die neuen Modelle sind höchst attraktiv. 3,35 Millionen neue Autos sollten 2004 in Deutschland auf die Straße rollen. Es wird ein gutes Autojahr und eine Trendwende geben.

Haben die deutschen Hersteller alles Notwendige getan, um nach vier Jahren Stagnation die Nachfrage wieder anzukurbeln?

Es gibt keinen Anlass zu klagen. Im Gegenteil: 2004 geht es mit der dritten Modelloffensive seit 1992 ungebrochen weiter. Es bleiben aber Hausaufgaben, etwa im Blick auf Kosten, Qualität oder Kundenzufriedenheit. Wir sehen sehr wohl die gestiegenen Zuwachsraten der Japaner und Koreaner. Wir brauchen deshalb auch Entlastung auf der Kostenseite, einen moderaten Tarifabschluss und eine Öffnung der Tarifverträge.

Die Rabattschlacht wird heftiger. Opel verspricht Frühbucherrabatte für den neuen Astra bevor überhaupt ein Preis bekannt ist.

Ich betrachte diese Entwicklung mit Sorge: Die Verkaufsförderung über Rabatte führt die Autohersteller in die Irre. Wir brauchen mehr Disziplin.

Die Verbraucher sind Rabatte aus dem Einzelhandel gewöhnt. Warum soll er dies nicht auch beim Autokauf erwarten?

Die Auswüchse in der Autobranche sind glücklicherweise nicht vergleichbar mit denen in anderen Branchen. Das könnten Autohersteller und -händler ohnehin nicht verkraften. Generell gilt: Die Freude des Kunden über Rabatte mündet letztlich in die Sorge um den Job. Marketingausgaben müssen verdient werden, ansonsten werden die Kosten weiter gedrückt. Dies heißt oft: Arbeitsplatzabbau. Man muss die Kette zu Ende denken.

Daimler, Opel, VW verlangen immer größere Abschläge von ihren Zulieferern. Solche Forderungen bergen massives Konfliktpotential.

Der Druck von den Märkten ist hoch. Trotzdem brauchen wir ein vernünftiges Miteinander nach den Regeln, die wir im VDA aufgestellt und unterschrieben haben. Unabhängig davon gilt: Die Zulieferer müssen ihren Beitrag zu mehr Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie leisten.

Trotzdem werden mehr und mehr Zulieferer ins Ausland abwandern.

Der Trend Richtung Osteuropa und Asien ist längst da, nicht nur weil man neuen Fabriken der Hersteller folgt. Aber es gibt eben auch Reaktionen auf die verkrusteten Strukturen am Arbeitsmarkt. Deshalb bleiben Tarifparteien und Politik weiter gefragt.

Das Potenzial auf dem deutschen Automarkt erscheint mittelfristig eher begrenzt: Viele Familien haben schon zwei Autos und die Fahrzeuge werden immer haltbarer.

Richtig. Das Wachstum findet im wesentlichen im Ausland statt, in Asien und in Osteuropa. Auch in Nordamerika wachsen wir gegen den Trend.

Behindert der starke Euro die deutschen Autohersteller?

Uns bläst ein eiskalter Wind ins Gesicht. Aber wir sind der Entwicklung nicht schutzlos ausgesetzt. Wir haben uns vorbereitet, durch Absicherungsstrategien, durch Produktion im Ausland. Ein Eurokurs von 1,20 oder 1,30 Dollar ist nicht hilfreich aber noch kein Grund zu nervöser Hektik.

Das Gespräch führte Rolf Obertreis.

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