Essay : Warum Vertrauen so wertvoll ist

Wem sollen wir vertrauen? Geldgeilen Bankern, die in ihrer Ignoranz und Selbstüberschätzung Milliarden verzockt haben? Die trauen sich doch gegenseitig nicht mehr über den Weg. Wieso sollten wir ihnen also weiterhin unser Erspartes andienen? Weil Angela Merkel das so will? Nein, weil ohne Vertrauen nichts funktioniert - nicht einmal das morgendliche Aufstehen.

Carsten Kloth
Vertrauen
Als Kinder lernen wir "Vertrauen in Vertrauen". -Foto: F1 online

"Vertrauen ist der Anfang von allem", warb einst die Deutsche Bank. Und nicht nur die. Heute reden wieder alle von Vertrauen, beziehungsweise davon, dass es verloren sei und zurückgewonnen werden muss. Bis zu 500 Milliarden Euro ist dieses Vertrauen der Regierung notfalls wert – diesen Umfang soll das deutsche Rettungspaket haben. Davon 400 Milliarden Euro Bürgschaft für das verlorene Vertrauen der Banken untereinander. Sie sind es, die sich derzeit beargwöhnen, kein Geld mehr verleihen und somit ihre eigene Kreditklemme verursachen. So kann Misstrauen schnell das Ende von allem werden.

Wieso ist Vertrauen so wertvoll? Bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschäftigten sich Soziologen wie Max Weber oder Georg Simmel mit dem Begriff. Weber betonte, dass sich Akteure mit Hilfe von Vertrauen in hochkomplexen sozialen Umwelten bewegen können, ohne viel über diese zu wissen. Und auch bei Simmel geht es um den Bereich zwischen Wissen und Nichtwissen: Vertrauen kompensiert Nichtwissen. Und ohne Vertrauen in die Akzeptanz einer Währung würde der Geldverkehr zusammenbrechen, so Simmel in "Philosophie des Geldes".

Der Soziologe Niklas Luhmann nennt Vertrauen einen "Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität". Es hilft uns dabei, uns zurechtzufinden angesichts einer unübersichtlichen Welt mit vielen Möglichkeiten, Unsicherheiten, Risiken und einer ungewissen Zukunft. Dort, wo wir nicht genug Informationen haben, um eine rationale Entscheidung zu fällen – oder schlichtweg die Zeit fehlt, um die vorhandenen Informationen auszuwerten – dort hilft Vertrauen, um dennoch eine Entscheidung zu fällen. Wenn auch als riskante Vorleistung. Die Begriffe Vertrauen und Risiko gehören zusammen: Vertrauen ist riskant, es birgt das Risiko, dass die Erwartung enttäuscht wird.

Vertrauen in der Marktwirtschaft

Eine große Rolle spielt Vertrauen in der Marktwirtschaft, ist gar deren Fundament. Bei jedem Geschäft wird darauf vertraut, dass der Geschäftspartner auch eine Gegenleistung erbringt. Auch komplizierte Mechanismen wie Verträge und Gesetze, die sicherstellen sollen, dass Vereinbarungen eingehalten werden, stützen sich an irgendeinem Punkt auf Vertrauen. Denn: Wer kontrolliert den Kontrolleur?

In besonderem Maße sind Kreditinstitute von Vertrauen abhängig. Schon der Begriff Kredit macht dies deutlich: Er stammt vom lateinischen "credere" und bedeutet "glauben". Der Kreditgeber glaubt, dass der Kreditnehmer den Kredit zurückzahlen wird. Als Sparer ist der Bankkunde der Kreditgeber. Daher ist es für die Banken unerlässlich, dass die Kunden ihnen vertrauen. Verlieren die Geldanleger das Vertrauen in die Bank, so ziehen sie ihre Gelder ab. Die Bank kommt in einen Liquiditätsengpass und droht Pleite zu gehen.

Ist Kontrolle besser?

Die Schwächung des allgemeinen Vertrauens durch die Finanzkrise führt nun zum Ruf nach mehr Kontrolle. Doch der Spruch "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" ist nicht haltbar. Vertrauen kann durch Kontrolle nur schwerlich ersetzt werden – nicht in einer freiheitlichen Ordnung. Aber wird die riskante Vorleistung des Vertrauens zu oft enttäuscht, dann schwindet das zarte Pflänzchen und kommt so schnell nicht wieder. Es bleibt nur die Möglichkeit, Regeln zu formulieren und der Einzelne muss darauf vertrauen, dass die Politiker, die diese Regeln formulieren, wissen was sie tun.

Vertrauen lässt weiteres Vertrauen wachsen. Ehrlichkeit, Fairness und Kompetenz sind Tugenden, auf denen es gedeihen kann. Gier, Kurzsicht und Eitelkeit hingegen zerstören es schnell. Werden diese Eigenschaften zu Tugenden erklärt, wie nicht nur an der Wall Street geschehen, dann kann dies nur auf einen Vertrauensbruch hinauslaufen. Es entsteht Misstrauen – möglicherweise gesundes. Blindes Vertrauen gegenüber Finanzakteuren, die diese Vorleistung nachweislich missbraucht haben, ist nicht angebracht. Sie haben die Vertrauenskrise ausgelöst und nicht diejenigen, die ihr Vertrauen nun zu entziehen drohen.

Es geht nicht ohne Vertrauen

Aber ganz ohne Vertrauen geht es eben auch nicht, dafür ist es zu existenziell. "Wer Vertrauen erweist", so schrieb Niklas Luhmann, "nimmt Zukunft vorweg. Er handelt so, als ob er sich der Zukunft sicher wäre." Wir könnten kaum existieren, hätten wir nicht ein Mindestvertrauen in unsere Umwelt – darin, dass die Verkehrsregeln befolgt werden, wenn wir die Straße überqueren, darin, dass der Bäcker uns Brötchen bietet und wir nicht verhungern, darin, dass Menschen uns nicht nur an die Geldbörse oder gar an die Kehle wollen, oder zumindest darin, dass Gesetz befolgt werden, die das verhindern. Ohne Vertrauen könnten wir nicht arbeiten, leben, lieben und bräuchten morgens nicht aufstehen.

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