Wirtschaft : EU-Erweiterung: Angst vor dem kalten Ostwind

Stefan Jacobs

Staub ist der größte Feind seiner Branche. Deshalb will der Chef eines Hightech-Unternehmens im Technologiepark Frankfurt (Oder) auf gar keinen Fall Staub aufwirbeln. In jeder Hinsicht. Was er zur EU-Osterweiterung denkt, möchte er ungern zusammen mit seinem Namen in der Zeitung lesen. "Wenn die Polen klug sind, legen sie ein Programm zur Förderung ihrer Grenzregion auf", sagt er. Viele in seiner Branche könnten sich dann problemlos am anderen Oderufer ansiedeln. Aus Unternehmersicht wäre die Kombination aus polnischem Kostenniveau und EU-Binnenmarkt das Paradies. "Wer innovativ ist, muss sich keine Sorgen machen. Aber anderswo, vor allem im Dienstleistungssektor, gibt es sicher erhebliche und berechtigte Ängste."

Der Technologiepark ist eine Wiesenlandschaft; auf den Hügeln haben Start-up-Unternehmen ihren Sitz. Von hier hat man einen guten Blick auf die Autobahn, wo die Lastwagenkolonne in Richtung Polen rollt. Müllrose liegt nur eine Viertelstunde entfernt. Kein Dorf, aber auch keine richtige Stadt. Es sieht trist aus entlang der Hauptstraße. Die Brühe aus den Pfützen am Straßenrand spritzt oft bis an die Hauswände. In einem der helleren Häuser hat Fliesenlegermeister Thomas Schenk sein Büro. Seit zwei Jahren führt er eine Drei-Mann-Firma, die sich auf exklusive Bäder spezialisiert hat.

"Mein Terminkalender raucht", beschreibt er die Auftragslage. Der 26-Jährige hat sich eine Nische erschlossen - für Leute mit hohem Anspruch. Doch bei Sanierungen hat er gegen Großfirmen keine Chance - und gegen solche, die Ausländer beschäftigen, erst recht nicht. "Die können problemlos zwanzig Mark weniger für den Quadratmeter nehmen." Wie das erst werden soll, wenn Polen EU-Mitglied ist und die Firmen jenseits der Grenze zur Konkurrenz werden, mag Schenk sich gar nicht ausmalen. "Bei den deutschen Lohnnebenkosten stimmt die Relation nicht mehr. Der kleine Mann kann sich einen Handwerker kaum noch leisten." Und was für den Unternehmer übrig bleibe, sei dürftig. Deshalb könnte sich Schenk vorstellen, seinen Firmensitz nach Polen umzumelden: "Zumindest, wenn ich damit die 1200 Mark Beitrag zur Handwerkskammer sparen kann."

Jürgen Watzlaw, Hauptgeschäftsführer der Frankfurter Handwerkskammer, holt daraufhin erst einmal tief Luft. Das könne er nicht verstehen, sagt er. Wer von den 9300 Mitgliedsbetrieben in Richtung Osten expandieren wolle, könne sich von der Kammer beraten und bei der Standortsuche begleiten lassen. Auch habe der Zusammenschluss von 28 Wirtschaftskammern entlang der jetzigen EU-Ostgrenze Einfluss: "Wir haben Berlin und die EU-Kommission sensibilisiert", sagt er. Etwa dafür, dass Freizügigkeit ohne Übergangsfristen katastrophal für den Mittelstand wäre. Andererseits hätte ein Ende der Grenzkontrollen für die deutschen Firmen auch Vorteile: "Die stehen hier nämlich genauso stundenlang an wie alle anderen", sagt Watzlaw.

Fliesenleger Schenk kann sich mit dem Gedanken an völlig offene Grenzen nicht so recht anfreunden. Er sorgt sich um die Kriminalität. "Wenn mein Transporter mit einer Maschine für tausend Mark hinten drin in Frankfurt parkt, hätte ich schon Angst, dass mir die jemand klaut." Er sagt das, weil von Brandenburger Baustellen schon ganz andere Maschinen verschwunden sind. Und weil er es aus Sicht derer, die kein Geld für gute Maschinen haben, verstehen kann.

In Strausberg ist die Ostgrenze ein Stück weiter entfernt, und die Stimmung weniger gedrückt. Im Hinterzimmer eines Restaurants tagt die regionale CDU bei Kunststoffblumen und Brötchen. Stargast ist Justizminister Kurt Schelter, der einen Hauch von großer Politik verbreitet. Natürlich funktioniere die Osterweiterung ohne ein "Nachteilsausgleichsprogramm" für den Mittelstand nicht, sagt er. Aber die Firmen könnten sich ostwärts entwickeln - fusionieren, expandieren, aufkaufen. "Dem Handwerker müssen wir klarmachen, dass es ihm nützt, ein paar Worte Polnisch zu lernen."

Einen Run billiger Arbeitskräfte auf den deutschen Markt erwartet Schelter nicht: "Alle, die kommen wollen, sind zumindest in der Baubranche schon da." Das Kostengefälle werde sich verringern, sobald die EU-Standards im Arbeits- und Umweltschutz auch für Polen gelten. Schelter kann sich einen Tausch vorstellen: Freizügigkeit gegen die Erfüllung von EU-Normen. Am Ende sind alle einig: "Wir brauchen Geld für das Nachteilsausgleichsprogramm." Und: "Wir sind auf einem guten Weg." Der Minister spricht von "dumpfen, unbestimmten Ängsten" angesichts der Erweiterung. In diesem Moment ist der besorgte Fliesenleger weit weg.

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