EU fördert "Super-Kühlschrank" : Neue Kühltechnologie soll das Klima retten

Erfrischung fürs Klima: Bars und Einzelhändler kühlen Getränke rund um die Uhr mit viel Energieaufwand. Ein EU-gefördertes Projekt könnte das ändern.

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Eine Frau stellt eine Dose in eine Öffnung in einer großen grünen Säule.
Dose rein, Dose raus: Kunden sollen sich Getränke im Supermarkt künftig selber kaltstellen.Foto: promo

Berlin - 85 Milliarden Kilowattstunden. Das ist der Jahres-Stromverbrauch sämtlicher Einwohner der drei bevölkerungsreichsten Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg zusammen – der Bedarf von 20 Millionen Haushalten. Die gleiche Menge verschlingen jedes Jahr Kühlungsanlagen für Getränke in den Bars, Tankstellen und Supermärkten Europas. Ein beachtlicher Batzen Energie – damit Cola, Bier oder Sekt allzeit wohltemperiert für den zahlungswilligen Kunden bereitstehen.

Einem britischen Unternehmen zufolge ließen sich davon künftig bis zu 80 Prozent einsparen. Die Firma Enviro-Cool mit Sitz in London will einen Apparat entwickelt haben, der abgefüllte Getränke binnen 45 Sekunden von Zimmertemperatur auf vier Grad Celsius herunterkühlt. Und zwar mit Eiswasser kurz über dem Gefrierpunkt und genau berechneten Wellen, die durch sanftes Schütteln der Getränkedose oder -flasche entstehen. „Um ein Getränk möglichst schnell zu kühlen, ohne dass die äußere Flüssigkeitsschicht einfriert, bevor das Innere kühl ist, muss die Flüssigkeit gut durchmischt werden“, sagt Gründer Kelvin Hall, der die Rapidcool-Methode gemeinsam mit seinem Bruder Craig entwickelt hat. „Bei unserer V-Tex-Technologie wird die Flüssigkeit mit einer bestimmten Geschwindigkeit rotiert, so dass ein Wirbelstrudel entsteht. Hierdurch können Kohlensäure-Bläschen nicht entweichen.“ Der Laie darf sich das Ganze wohl vorstellen wie eine umgekehrte Mikrowelle: Limo rein, anstellen, und wenn es „pling“ macht, ist sie servierfertig. Ohne dass kohlensäurehaltige Getränke beim Öffnen überschäumen.

Eine Bierdose steht mit Wassertropfen auf der Oberfläche in einem grauen Halter
Immer kühles Bier da. Der Rapidcool-Automat soll in einem holländischen Supermarkt getestet werden.Foto: promo

Blitzkühlung statt Stromverbrauch rund um die Uhr

Wenn der Traum der Geschwister Wirklichkeit wird, dann wird eines Tages also nicht mehr pauschal rund um die Uhr gekühlt, sondern nur noch nach Bedarf, beim Kauf – zumindest nicht verderbliche Erfrischungsgetränke und Alkoholika. Auch an einer Version für den Hausgebrauch arbeitet Enviro-Cool. Kein Gastgeber müsste sich dann mehr Sorgen machen, ob noch genügend Bier und Weißwein kaltgestellt sind. Die EU-Kommission jedenfalls glaubt an die revolutionäre Kraft dieser Idee und unterstützt ihre Umsetzung mit 903 000 Euro. „Die Technologie könnte helfen, große Mengen Energie zu sparen und Kohlenstoffemissionen zu verringern“, sagt Michael Jennings, Sprecher der Kommission für Forschung, Innovation und Wissenschaft. Seit 2007 hat die EU fast 50 Milliarden Euro in Forschungsprojekte investiert, um Europa wettbewerbsfähiger zu machen. Fortan will sie diese verstärkt unter dem Gesichtspunkt fördern, dass sie gut für Umwelt und Gesundheit sind. Im kommenden Jahr soll unter dem Namen „Horizont 2020“ ein noch umfangreicheres Förderprogramm starten.

Die 2007 gegründete Firma Enviro-Cool ist auf eine Ausschreibung hin an die EU-Kommission herangetreten. „Wir finden das Produkt auch deshalb fördernswert, weil es Unternehmen hilft, Kosten zu sparen“, sagt Jennings. Wer bisher 1022 Euro pro Jahr für die Kühlung seines Getränkeangebots in einem offenen Kühlregal gezahlt hat, kommt nach Angaben der Briten bei Einsatz eines Rapidcool-Automats mit nur 190 Euro aus. Offene Regale sind unter den Kühlsystemen die größten Energiefresser, weil sie wie die umstrittenen Heizstrahler ihre Umgebung „mitversorgen“, ihre Leistung folglich besonders schnell verpufft. Wie teuer die innovativen Geräte in der Anschaffung werden, dazu können oder wollen die Entwickler noch keine Angaben machen. Der Preis soll sich aber „in etwa im Rahmen der Preise für herkömmliche Kühlsysteme“ bewegen.

Coca-Cola und Heineken im Boot?

Weil Enviro-Cool als noch recht junges Unternehmen nicht alle Auflagen für die EU-Fördermittel erfüllte, hat sich ein Konsortium aus vier kommerziellen und akademischen Partnern gebildet, das an der Markttauglichkeit der Erfindung arbeitet. Verantwortlich zeichnet die slowenische Firma Vending Marketing D.O.O., die auf das Design von Verkaufsautomaten spezialisiert ist. Die Gruppe stehe „mit namhaften, milliardenschweren Geräteherstellern in Europa, Asien und Nordamerika und großen Getränkeherstellern“ in Verhandlungen, heißt es vage. Auf der Enviro-Cool-Webseite wird die Technik anhand von Produkten der Marken Coca-Cola und Heineken vorgeführt. Und wie will die EU den Vertrieb fördern? Über Kaufanreize wie eine Abwrackprämie für alte Kühlungsgeräte denke man derzeit nicht nach, sagen Förderer und Entwickler. „Wir haben den Start unterstützt, alles Weitere ist Sache der Hersteller“, sagt Jennings. Die sprechen davon, wenn alles gut laufe im Sommer 2014 mit Rapidcoolauf den Markt zu kommen. Im Oktober soll ein erster Automat in einem niederländischen Supermarkt getestet werden. Vielleicht der Beginn der Ära „cool on demand“.