EU : Inflation in der Eurozone auf neuem Rekordwert

Die steigenden Öl- und Lebensmittelpreise haben die Inflationsrate im Euroraum auf einen neuen Rekordwert getrieben. Und Experten gehen davon aus, dass das noch nicht das Ende der Preisspirale ist. Eine Reaktion der Europäischen Zentralbank dürfte nicht lange auf sich warten lassen.

Luxemburg/BrüsselDie Verbraucherpreise kletterten im Juni um 4,0 Prozent nach oben und damit so stark wie noch nie seit Gründung der Währungsunion 1999, wie aus einer am Montag vom EU-Statistikamt Eurostat veröffentlichten ersten Schätzung hervorgeht. Angesichts weltweit weiter steigender Preise für Erdöl und Grundnahrungsmittel erwarten Volkswirte, dass der Höhepunkt der Preisspirale noch nicht erreicht ist. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird deshalb am Donnerstag wahrscheinlich die Leitzinsen erhöhen.

Auch wenn Eurostat erst Mitte Juli bekanntgeben wird, wer genau die Preistreiber für die Inflation im Juni waren, so ist der wachsende Preisdruck durch die steigenden Preise für Energie und Lebensmittel unstrittig. Der Preis für ein Fass Erdöl (159 Liter) übersprang am Montag in London und New York erstmals die Marke von 143 Dollar. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) rechnet bereits im Laufe des Sommers sogar mit einem Preis von 170 Dollar pro Barrel. Die seit Monaten kräftig steigenden Ölpreise seien nicht die Folge von Spekulationen an den Märkten, sondern die Folge einer weltweit gestiegenen Nachfrage, kommentierte der Chef des britischen Ölkonzerns BP, Tony Hayward, auf einer Branchenkonferenz in Madrid die Entwicklung.

Verbraucherpreise steigen so stark wie nie zuvor

Die Verbraucherpreise, die in Deutschland nach vorläufigen Berechnungen im Juni mit 3,3 Prozent so stark stiegen wie seit fast 15 Jahren nicht mehr, dürften damit weiter anziehen. Von der EZB, die sich als mittelfristiges Inflationsziel für die Eurozone knapp zwei Prozent gesetzt hat, erwarten die Märkte deshalb diese Woche eine Erhöhung des Leitzinses um 0,25 Prozentpunkte. Dies hatte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet Anfang Juni angedeutet. Höhere Leitzinsen sind das klassische Mittel der Zentralbankpolitik, um die Nachfrage und so die Inflation zu bremsen. Zudem sollen Zinserhöhungen dazu dienen, die Erwartung weiter steigender Preise einzudämmen, weil diese zu höheren Lohnabschlüssen führen kann. Das kann wiederum über eine höhere Nachfrage die Inflation weiter anheizen.

Die ständig steigenden Ölpreise dürften die Inflation in den kommenden Monaten weiter bis auf etwa 4,25 Prozent anheizen, erklärte Commerzbank-Volkswirt Christoph Weil. Die Bank geht deshalb davon aus, dass die EZB auf solche Inflationserwartungen nicht allein mit einer Zinserhöhung von einem Viertelprozentpunkt an diesem Donnerstag reagieren wird, sondern im September den Leitzins auf dann 4,5 Prozent anheben wird.

Geldpolitik der EZB umstritten

Ob eine strenge Geldpolitik der EZB angemessen ist, wenn die Inflation nicht in erster Linie auf eine überhitzte Konjunktur zurückgeht, sondern vor allem auf steigende Weltmarktpreise für Rohstoffe, ist derzeit umstritten. Zu den Kritikern gehören die Gewerkschaften und auch Spitzenpolitiker wie beispielsweise Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), der die EZB gedrängt hatte, mit Rücksicht auf die Konjunktur auf eine Zinserhöhung zu verzichten. Die EU-Kommission verwies zur EZB-Debatte am Montag auf Warnungen von Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia. Die Kommission erwarte, dass sichergestellt werde, eine Verfestigung der Erwartung steigender Preise zu verhindern, sagte Almunias Sprecherin in Brüssel. Anderenfalls drohe eine Inflationsspirale, die für die gesamte Wirtschaft sehr gefährlich werden könne. Almunia hatte am vergangenen Freitag auf einer internationalen Finanzkonferenz vor einer Preis-Lohn-Spirale gewarnt, die die "sehr schädliche Auswirkungen für Wirtschaft und Bürger" haben würde. (mfa/AFP)

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