Wirtschaft : EU-Zinspolitik: Duisenberg ringt um Glaubwürdigkeit

Henrik Mortsiefer

Der Internationale Währungsfonds will es, die Börse will es, Politiker und Gewerkschafter wollen es, und zwei Drittel der Top-Manager wollen es auch - alle drängen die Europäische Zentralbank, bald die Zinsen zu senken. Nachdem Alan Greenspan sein Gespür für Knalleffekte unter Beweis gestellt und die US-Zinsen überraschend reduziert hat, steht EZB-Chef Duisenberg unter Erwartungsdruck. Doch ebenso beschwörend wie die, die nun ein Signal der EZB erbitten, betont die Euro-Notenbank, sie werde an ihrer "Geldpolitik der ruhigen Hand" und an dem Ziel eines stabilen Geldes festhalten. Anders als die Fed versteht sich die EZB nicht als Stütze der Konjunktur.

Argumente für die Beharrlichkeit der Währungshüter lieferte am Donnerstag die Statistik. Eurostat zufolge lag die Inflationsrate in den zwölf Staaten der Währungsunion im März bei 2,6 Prozent. Dabei verschleiert der Durchschnittswert, dass es Ausreißer nach oben gab, die die EZB berücksichtigen muss - und die sie beunruhigen müssen. In Portugal liegt die Inflation bei 5,1 Prozent, in den Niederlande bei 4,9 Prozent, in Irland bei 4,1 Prozent. Eindeutig zu viel, gemessen am Stabilitätsziel von zwei Prozent.

Die Börse kümmert indes wenig, dass die EZB die Inflationsrisiken ernster nimmt und das prognostizierte Wachstum von 2,6 Prozent im Euroraum für robust genug hält. Kräftige Kursgewinne nach Greenspans Zins-Coup haben bei den Anlegern die Lust auf mehr geweckt. Trotzig wollen die Investoren jetzt an den Aufschwung glauben - und an ein Entgegenkommen der Geldpolitik. Doch Wim Duisenberg täte der Börse keinen Gefallen, wenn er sich jetzt von der allgemeinen Stimmungslage erweichen ließe. Vertrauen ist in der Geldpolitik fast alles. Befriedigt die EZB die verständlichen Wünsche der darbenden Börsianer, weckt sie Zweifel an ihrer Verlässlichkeit. Ohnehin sollte man sich von einem Zinsschritt in Europa keine schnelle und vor allem nachhaltige Erholung der Aktien versprechen. Drei Zinssenkungen sind auch am amerikanischen Aktienmarkt verpufft, weil jeder damit gerechnet hatte. Duisenberg ringt eben auch um seine Glaubwürdigkeit, wenn er die Märkte jetzt davon überzeugt, dass eine Zinssenkung nicht zur Debatte steht.

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