Wirtschaft : Euphorie und Skepsis zum Xetra-Start

Frankfurt feiert das neue Handelssystem der Börse / Berlin verliert ein weiteres Stück Unabhängigkeit

FRANKFURT (MAIN) / BERLIN (ro / jojo).Geprobt hatten die Händler 45 Tage lang.Und der Computer als Arbeitsgerät für die Börsengeschäfte war ihnen ohnehin schon jahrelang vertraut.Schließlich leistete das Handelssystem IBIS bis Donnerstagabend gute, wenn auch mittlerweile nicht mehr ausreichende Dienste.Trotz aller Gewohnheit aber war das Kribbeln am Freitag morgen in den Fingern der 1300 Händler groß, die in Frankfurt und in sieben europäischen Städten zum ersten Mal im neuen Börsen-Computer Xetra ­ das Kürzel steht für eXchange Electronic TRAding ­ Aktien kaufen und verkaufen. Um acht Uhr werden die Computer gestartet, auf 1800 Rechnern tritt der Ernstfall ein und zum ersten Mal zeigt sich die Oberfläche der 150 Mill.DM teuren Software.Die ersten Aufträge wurden per Mausklick eingegeben, um 8.30 Uhr beginnt ganz offiziell das neue Börsenzeitalter.Zehn Minuten später zeigt Xetra zum ersten Mal einen Wert für den Deutschen Aktienindex. Die Premierenangst der Frankfurter Börsenoberen verfliegt, das System funktioniert reibungslos.Auch dann, als bei fünf der 107 gehandelten Aktien zum ersten Mal überstarke Kursausschläge auftreten.Wie für solche Fälle vorgesehen, wird der Handel für wenige Minuten unterbrochen, damit die Geschäfte wieder fair und ohne Friktionen weiterlaufen können.Die harte Bewährungsprobe für Xetra ist der erste Tag nicht, bis 12 Uhr werden 4000 Kurse festgestellt.Ausgelegt ist das System auf bis zu eine Millionen Orders pro Handelstag.Aber das Aufatmen in Frankfurt ist trotzdem groß, daß der erste Xetra-Tag nach der jahrelangen, arbeitsintensiven und von vielen oft in Zweifel gezogenen Vorbereitung so problemlos über die Bühne geht.Nicht nur Werner Seifert, Vorstandschef der Deutsche Börse AG, und der hessische Wirtschafts-Staatssekretär Matthias Kurth sind froh, sogar begeistert, als sie im großen Saal der Frankfurter Börse vor einer Videowand mit der Xetra-Oberfläche den "kleinen" Big Bang für die Deutsche Börse erläutern. Seifert lobt Xetra über den grünen Klee."Damit macht der Finanzplatz einen Quantensprung." Er preist die Entwicklungszeit, keine andere Börse habe ein solches System so schnell entwickelt. Und er hebt die Preise hervor: Börsengeschäfte, die im Parketthandel 35 DM kosten, schlagen bei Xetra nur noch mit sieben DM zu Buche. Sämtliche positiven Töne aus Frankfurt konnten die Skepsis auf dem Berliner Parkett dennoch nicht vertreiben.Noch sehen sich die Berliner Makler nicht in ihrer Existenz bedroht.Die Kurse im Freiverkehr ­ dem Berliner Wachstumssegment ­ sind von Xetra ohnehin nicht betroffen.Im Amtlichen Handel allerdings, so eine verbreitete Befürchtung, könnten 1999 die Lichter ausgehen.Wenn dann auch private Kleinaufträge über Xetra abgewickelt werden, bedeute dies das Ende für das Berliner Parkett, hieß es.Der neuen Computeroberfläche begegneten die Makler mit gemischten Gefühlen ­ gleicht der Bildschirm nun doch eher den von Windows gewohnten Formen."Die Augenarztrechnung schicke ich Seifert", scherzte ein Berliner Makler ob der kleinen Schrift auf den Computern. Erleichtert registierten auch die Berliner, daß Xetra die Handelsstunden ohne Absturz überstanden hatte.In der Vergangenheit war nach Rechnerproblemen in Frankfurt auch der Handel an der Fasanenstraße gelegentlich für einige Stunden unterbrochen. Daß Xetra ganz maßgeblich über die Zukunft der Berliner Börse entscheidet, darüber herrschte am Freitag weitgehend Einigkeit auf dem Parkett.Ob das elektronische Handelssystem ein Erfolg werde, hänge stark von der Akzeptanz durch die Banken ab.Mit Xetra verliert Berlin abermals ein Stück Unabhängigkeit.Bereits mit der Einführung der sogenannten Dachskontren, also gemeinsamer Orderbücher, mußte die Berliner Börse ihren Vorteil längerer Handelszeiten auch für die Dax-Werte abgeben.Werden eines Tages auch die Freiverkehrswerte in Xetra aufgenommen, hat für den Handelplatz Berlin die letzte Stunde geschlagen.

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