Wirtschaft : Euro-Aktien vor der Zwischenlandung

tlu

Angst vor großen Zahlen kennt Detlef Bierbaum nicht. "In ein paar Jahren steht der Euro Stoxx bei 10 000 Punkten", prophezeit der Mitinhaber des Bankhauses Sal. Oppenheim. Eine mutige Prognose, denn um das Ziel zu erreichen, muss sich der Wert der im Index enthaltenen 50 wichtigsten Aktien in Euroland im Durchschnitt verdoppeln. "Europa wird aus der Eurosklerose erwachen und zum Motor der weltwirtschaftlichen Entwicklung werden", glaubt der Oppenheim-Banker. In der Tat bringen globaler Wettbewerb und technologischer Fortschritt durch neue Medien und Telekommunikation immer mehr europäische Unternehmen auf Vordermann. Die Öffnung der Telekommunikations- und Energiemärkte und die Zerschlagung der Monopole sorgen für frischen Wind und Anpassungsdruck. Der Dax oder der französische CAC-Index markieren seit Jahresanfang einen Höchststand nach dem anderen, während der Dow Jones Einbußen hinnehmen musste.

"Endlich können sich die europäischen Märkte etwas von den Vorgaben aus Übersee lösen", freut sich Hans-Jürgen Delp, Leiter Aktienanlage Private Kunden bei der Commerzbank. Immer mehr private und institutionelle Investoren nehmen Dividendenwerte in ihr Depot. Europäische Aktienfonds brachten im vergangenen Jahr zum Teil dreistellige Renditen. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Seit die US-amerikanische und die Europäische Zentralbank die Zinszügel anziehen, zeigt der Renditetrend an den Rentenmärkten nach oben. "Steigende Zinsen und Aktienkurse - das kann auf Dauer nicht gut gehen", warnt Stefan Steib, Anlagestratege bei der WGZ-Bank. Im Übrigen steht der Aufschwung der letzten Wochen und Monate auf tönernen Füßen. Die Performance der großen Euro-Indizes wurde von wenigen Werten aus dem Bereich Medien, Telekommunikation und Technologie getragen. Die Analysten der WestLB haben ausgerechnet, dass der DJ Stoxx Europa ohne die Werte aus den Boombranchen um neun Prozent gesunken wäre.

Doch für die Top-Performer wird die Luft dünn. "Vor allem Werte mit Internet-Fantasie haben Bewertungen erreicht, die jenseits von gut und böse sind", bemerkt Angelika Hinz von der BHF-Bank. Für die Experten der WestLB steht eine Korrektur bevor. "Wir rechnen beim Stoxx 50 mit einer Korrektur auf 4000 Punkte im laufenden Quartal", sagt Martin Gilles, Leiter europäische Aktienstrategie. Auch WGZ-Analyst Steib rechnet mit einem Einbruch von 15 Prozent. "Aber das wird kein Crash, sondern eine sanfte Landung auf ein solides Niveau", beruhigt er. "Erst wenn die Luft aus den überbewerteten Titeln ist, kann man wieder einsteigen."

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