Wirtschaft : Euro auf Rekordtief: Die Parität zum Dollar rückt immer näher

FRANKFURT (MAIN) (ro). Die Talfahrt des Euro hält weiter an. Am Montag rutschte er in Frankfurt auf ein Rekordtief. Die Europäische Zentralbank (EZB) legte den Referenzkurs bei 1,0124 Dollar fest nach 1,0204 am Freitag. Damit rückt ein Kursverhältnis von 1:1 zum Dollar immer näher. Am Devisenmarkt werde der Aufstand geprobt, sagten Marktteilnehmer. "Die Parität ist aber kein Ziel an sich, der Devisenmarkt reagiert auf wirtschaftliche Ungleichgewichte", betonte Alfred Schorno, Leiter des Devisenhandels bei der Commerzbank. "Hier geht es fast nur noch um Psychologie. Nur die negativen Nachrichten werden wahrgenommen", sagt Joachim Goldberg, Devisenmarkt-Experte bei der Deutschen Bank. An der Talfahrt des Euro änderte am Montag auch ein erneutes Bekenntnis von Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer zur europäischen Währung wenig. "Der Euro ist eine starke Währung", bekräftigte er im fernen Schanghai. Parallel zur Talfahrt des Euro hat sich die Preisentwicklung abgeschwächt: In Deutschland stiegen die Preise im Juni im Vergleich zum Vorjahr nur um 0,4 Prozent und im Vergleich zum Mai 1999 nur um 0,1 Prozent.Volkswirte der Frankfurter Banken waren auch am Montag wieder bemüht, der Euro-Schwäche die Dramatik zu nehmen. Nicht nur Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der Commerzbank, hält es allerdings für möglich, daß der Euro sogar unter einen Dollar rutscht. Mittelfristig sieht er keine Trendumkehr, erst im nächsten Jahr, wenn sich die US- Konjunktur abschwächt, könne der Euro wieder steigen. Manuela Preuschl, Volkswirtin von Deutsche Bank Research, rechnet für die nächsten Woche mit einer Seitwärtsbewegung des Euro. Ursache sei die nach wie vor im Vergleich zu Deutschland und zu Europa bessere Verfassung der US-Wirtschaft. Damit verbunden seien möglicherweise weitere Zinserhöhungen in den USA. "Zudem sind viele Investoren noch skeptisch im Hinblick auf die Konjunkturerholung und die weitere Haushaltskonsolidierung in Euroland." Im Verlauf des nächsten Jahres erwartet Preuschl einen Anstieg des Euro auf etwa 1,10 Dollar. Hauptgrund: Eine bessere Konjunktur in Europa und eine Verlangsamung des Wachstums in den USA. "Zugunsten des Euro spricht schließlich die Tatsache, daß sich das Ungleichgewicht in der Leistungsbilanz zwischen den USA und Euroland zunächst noch weiter zu Ungunsten der USA verschieben sollte".Als Risiken für den Euro betrachtet nicht nur die Deutsche Bank-Expertin möglicherweise aufkommende Zweifel am Willen und der Fähigkeit der EWU-Staaten, Strukturreformen anzupacken und die Sanierung der Haushalte voranzutreiben. "Falls es in Euroland zu keinen nennenswerten strukturellen Reformen kommt und die Konjunktur anhaltend zur Schwäche neigt, dürfte die erwartete Euro-Stärkung ausbleiben." Allerdings belegten die Ereignisse am Montag auch, daß der immer schwächere Außenwert des Euro für die interne Preisstabilität in Euroland bislang jedenfalls keine Auswirkungen hat. Die Preise sind stabil. Im Vergleich zum Juni 1998 liegen sie im Juni 1999 nur um 0,4 Prozent höher. Verantwortlich dafür waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vor allem die weitere, deutliche Verbilligung von Telefongesprächen um 12,4 Prozent sowie starke Preisrückgänge bei Kaffee, Obst und Fleisch. "Die Konjunktur- und Inflationsaussichten für Euroland sprechen alles in allem für eine Fortsetzung der Politik der ruhigen Hand durch die EZB. Wir gehen davon aus, daß die Leitzinsen bis Jahresende unverändert bleiben", betont denn auch Deutsche Bank-Volkswirtin Preuschl. Frühestens Ende des ersten Quartals 2000 könnte die EZB ihre Geldpolitik moderat verschärfen.

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