Wirtschaft : Euro-Countdown: noch 12 Wochen: Abschied von Clara Schumann

Michael Bröcker

"Der Countdown läuft - der Euro kommt". Bis zum Jahreswechsel beleuchtet der Tagesspiegel am Sonnabend mit Berichten, Reportagen, Interviews und Standpunkten die verschiedenen Aspekte der Euro-Bargeldeinführung.

Wir brauchen es am Kiosk, beim Friseur, beim Bäcker, im Kino oder im Supermarkt. Wir erhalten es meist von einer Dame am Bankschalter oder durch den Automaten vor der Tür. Die Rede ist vom Bargeld. Mehr als 2,8 Milliarden Geldscheine und 48 Milliarden Münzen wandern täglich vom Konsumenten zum Kiosk, von den Banken zum Bürger oder vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmer. Alle Münzen zusammen genommen wiegen etwa 160 000 Tonnen, alle Banknoten aufeinandergestapelt ergeben eine Höhe von rund 310 Kilometer.

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Der Euro kommt - Infos zur Währungsumstellung Trotzdem: Wir zahlen immer weniger mit den Scheinen und Münzen. "Der Bargeldanteil ist im Einzelhandel in den letzten drei Jahren um zehn Prozent auf knapp 70 Prozent gesunken", sagt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Berlin. Dieser Trend werde sich auch in Zukunft nicht umkehren, sagt Pellengahr. Im Gegenzug nimmt der Anteil des bargeldlosen Verkehrs stetig zu, von 13 auf knapp 20 Prozent seit 1997. Insgesamt fließen über zwei Billionen Mark Tag für Tag in Form von elektronischem Geld, sprich Überweisungen und Transfers, durch die Datennetze der Banken. Gegen diese Summe erscheint der Bargeldumlauf fast mickrig. Von 1996 bis 1999 ist der Wert des gesamten Bargeldumlaufs der Volkswirtschaft von 275 Milliarden Mark auf 174 Milliarden Mark gesunken, errechnete das Statistische Bundesamt. Im Jahr 2000 ist der Umlauf von Scheinen und Münzen um 4,1 Prozent zurückgegangen, im Jahr 2001 nochmals um 12,7 Prozent, berichtet der Bundesverband Deutscher Banken (BDB).

Haben Clara Schumann und ihre Kollegen ausgedient? Der Trend scheint die These zu bestätigen. Immer mehr Zahlungsvorgänge werden mit Kredit- oder EC-Karten, Chipkarten oder Internet-Geld getätigt. Begriffe wie "Cybercash" machen die Runde. Findige Unternehmer sind täglich auf der Suche nach neuen elektronischen Zahlungsmöglichkeiten. Die neueste Entwicklung ist das M-commerce, die Zahlung übers Handy. Einfach, schnell und bequem soll gezahlt werden. Schwere Münzen im Portemonnaie sind nur noch hinderlich, altmodisch und antiquiert. Ein Ende dieses Prozesses ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Die Einführung des Euro wird die Entwicklung vorantreiben. Zum Beispiel nutzen Automatenhersteller die Gelegenheit und rüsten ihre Süßwaren-, Getränke- oder Fotoautomaten nicht nur auf Euro, sondern gleichzeitig auch auf Geld- und EC-Karte um. "Ab jetzt werden alle neuen Automaten, das sind pro Jahr immerhin 300, direkt auf die Kartenzahlung umgestellt", sagt Klaus-Dieter Lubinski, Geschäftsführer von Zölls, einem der großen deutschen Automatenhersteller. So könne man Synergieeffekte realisieren.

Der Euro könnte die bisher geschmähte Geldkarte aus dem Dornröschenschlaf wecken. In Bremen kann der Bürger im Rahmen eines Pilotprojektes bereits mit seiner Geldkarte in Bus und Bahn bezahlen, in Ravensburg auch beim Bäcker, beim Friseur und im Kino. "Die Geldkarte wird einen Schub durch die Euro-Einführung erleben", sagt Oliver Hommel vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Der Bürger könnte die Umstellung auch zur Umgewöhnung an die Geldkarte nutzen. Das erleichtert die Umgewöhnung an die neuen Scheine und Münzen. Praktischer ist sie allemal.

Trotzdem werden Starter-Pakete mit Euro-Münzen im Wert von 20 Mark bereits Mitte Dezember an die Bürger verteilt werden. Der Bürger soll sich an den Euro gewöhnen, ihn in der Hand halten können. Doch lohnt sich der Aufwand überhaupt? Sind die groß angelegten Werbekampagnen für die Euro-Scheine überhaupt notwendig, wenn sowieso kaum noch einer das Bargeld nutzt? Der Bankenverband geht von einer langsamen Entwicklung aus. "Wir sind immer noch europäischer Spitzenreiter in der Bargeldnutzung", sagt Tanja Beller vom Bundesverband deutscher Banken (BDB). Die Bargeldabhängigkeit sei in Deutschland trotz rückläufiger Tendenz noch am grössten. Daher seien auch die Informationskampagnen für den Euro wichtig. Doch nicht nur die Automatenhersteller und der Einzelhandel sehen Veränderungen im Verhalten der Bürger auf sich zukommen. Nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts hat nur jeder fünfte Bundesbürger Vertrauen in den Euro. Wenn wir uns Anfang 2002 endgültig von der Mark verabschieden, den in hunderten von Sprichwörtern verewigten "Pfennig" in den kühlen, emotionslosen und fremden "Cent" umtauschen, verlieren wir vielleicht auch die Furcht vor dem elektronischen Geld. "Die Zahlung mit Karten wird populärer, der Zahlungsverkehr wird sich in den nächsten Jahren stark ändern", sagt Oliver Hommel vom BVR.

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