Wirtschaft : Euro-Countdown: noch 15 Wochen: Die Türken trauen dem Euro nicht

Thomas Seibert

"Der Countdown läuft - Der Euro kommt". Bis zum Jahreswechsel beleuchtet der Tagesspiegel jeweils am Sonnabend mit Berichten, Reportagen, Interviews und Standpunkten die verschiedenen Aspekte der Euro-Bargeldeinführung.

Istanbul. "Euro? Was ist denn das?" Der Mann vor der Wechselstube in der türkischen Metropole Istanbul ist verlegen. Von der europäischen Gemeinschaftswährung hat er noch nie gehört. Hilfesuchend wendet er sich an einen in der Nähe stehenden Fischhändler, denn der weiß Bescheid. "Das ist das neue Geld in Europa, die D-Mark wird verschwinden", klärt er seinen Landsmann auf. "Da steckt der IWF dahinter."

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Der Euro kommt - Infos zur Währungsumstellung Keine Frage - in der Türkei ist die Aufklärungsarbeit vor der Euro-Einführung noch optimierbar. Obwohl auf Bankkonten und unter Kopfkissen in der Türkei schätzungsweise 20 Milliarden Mark liegen, die nach der Einführung des Euro als Zahlungsmittel ausrangiert werden, wissen viele Türken nur wenig über das große Währungsprojekt der Europäer, auch wenn die meisten nicht so ahnungslos sind wie der Kunde der Istanbuler Wechselstube. Viele andere kennen den Euro sehr wohl, trauen ihm aber nicht über den Weg.

Die neue Europa-Währung ist so manchem in der Türkei richtig unheimlich. Die Türken sind es gewohnt, ihre Lira-Einkünfte schnell in D-Mark oder US-Dollar umzutauschen, um sie vor der galoppierenden Inflation in Sicherheit zu bringen. Dabei war die D-Mark bisher für viele genauso gut wie der Dollar, doch das ändert sich jetzt. "D-Mark wird kaum noch getauscht, alle wollen Dollar", sagt die Wechselstuben-Betreiberin Gülcin Polat. Für die immer häufiger auftretende Spezies des Dollar-Anhängers gibt es in der Türkei sogar schon einen eigenen Begriff: "dollarci".

"Die Leute haben das Gefühl, dass der Euro nicht so gut sein wird, wie die D-Mark es war", sagt der Volkswirt Sertan Kargin von der Garanti-Bankasi, einer der größten Privatbanken in der Türkei. "Viele werden ihre D-Mark-Beträge direkt in Dollar umtauschen, wenn es so weit ist." Nach Einschätzung von Banken-Experten könnte das die Bemühungen der türkischen Zentralbank untergraben, den seit Beginn der Wirtschaftskrise im Februar unaufhaltsamen Anstieg des Dollar-Kurses zur türkischen Lira zu bremsen.

Trotz der Vorliebe für den Dollar gehört der Euro für tausende Türken schon jetzt zum Alltag. Vor den Zweigstellen der türkischen Zentralbank in Ankara und in anderen Städten bildeten sich in den vergangenen Wochen lange Schlangen von türkischen Gastarbeitern, die auf Heimaturlaub aus Deutschland und anderen Ländern waren. Sie wollten ihren Kurzaufenthalt in der alten Heimat dazu nutzen, die Umwandlung ihrer D-Mark-Konten in Euro zu beantragen. Vertreter der Zentralbank versuchten zwar, dem Ansturm Herr zu werden, indem sie die Kunden auf die Möglichkeit des schriftlichen Antrags per Post aufmerksam machten, aber es nutzte nur wenig. "Sie wollen es lieber persönlich machen", sagt ein Bank-Mitarbeiter.

Die zweieinhalb Millionen türkischen Arbeitnehmer in Deutschland werden vom kommenden Jahr an eine wichtige Rolle bei der Einführung des Euro in der Türkei spielen. So wie sie bisher D-Mark nach Anatolien schickten, um die Verwandtschaft daheim zu unterstützen, werden sie spätestens nach dem Ende der Übergangsphase im März des kommenden Jahres ihre Ersparnisse in Euro in die Türkei senden. Bis dahin muss also auch der Familienteil in Anatolien bei seiner örtlichen Bank über ein Euro-Konto verfügen. Die türkischen Banken, für die Devisen-Konten wegen der chronischen Inflation im Land ohnehin zum Alltag gehören, bieten schon längst Euro-Konten an. Für übrig gebliebene D-Mark-Bestände gibt es auch nach dem März 2002 die Möglichkeit, sie in der Türkei oder in Deutschland in Euro zu verwandeln. Bei den Landeszentralbanken in Deutschland ist dies unbefristet und kostenlos möglich.

Auch die deutschen Touristen werden nach Einschätzung von Banken-Fachleuten dazu beitragen, den Euro in die Türkei zu bringen. In diesem Jahr tragen die knapp drei Millionen Urlauber aus der Bundesrepublik noch ihre D-Mark zu den Wechselstuben in Antalya und anderswo. Im kommenden Jahr werden sie Euro in der Tasche haben.

Der Hauptteil des Euro-Transfers in die Türkei wird jedoch in offiziellen Bahnen ablaufen. Zur Zeit berät die Deutsche Bundesbank mit der türkischen Zentralbank über die Formalitäten. Bundesbank-Präsident Ernst Welteke wird möglicherweise im Herbst in die Türkei reisen, um das Euro-Projekt zu erläutern. Vom 1. Dezember an können Kreditinstitute in den Ländern außerhalb der Euro-Zone mit Euro-Geldscheinen versorgt werden. Das wird im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen den Zentralbanken und durch die Kooperation von Privatbanken vorbereitet. Dann findet der heikelste Teil der Euro-Mission statt: Geldscheine und Münzen im Wert von 2,5 Milliarden Euro werden mit Flugzeugen und Lastwagen in die Türkei gebracht, wo sie bis zum Tag X in den Tresoren aufbewahrt werden sollen.

Wenn der Euro dann am 1. Januar Realität wird, werden auch die Türken trotz aller Skepsis die neue Währung beschnuppern wollen. "Aus Neugier wird dann einiges getauscht werden", sagt Gülcin Polat von der Istanbuler Wechselstube. Polats Kundin Jade Halioglu glaubt, dass sich der Argwohn der Türken der neuen Währung gegenüber schnell legen wird. "Vor allem die ärmeren Leute kennen den Euro ja noch nicht", sagt sie. "Aber das kommt schon."

Die 58-jährige Jade Halioglu selbst kann das Misstrauen ihrer Landsleute ohnehin nicht recht nachvollziehen. In den 70er und 80er Jahren lebte sie insgesamt 16 Jahre in Deutschland, in Konstanz, Frankfurt am Main und Stuttgart. Dort habe sie erlebt, wie wirtschaftlich stark die Deutschen seien. Das werde sich auch auf den in den vergangenen Jahren häufig kränkelnden Euro auswirken. Einen Grund, die neue Europa-Währung abzulehnen, sieht die Türkin deshalb nicht: "Ich vertraue auf die deutsche Wirtschaft."

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