Wirtschaft : Euro-Countdown: noch 19 Wochen: "Viel zu groß fürs Portemonnaie"

Sonja Niemann

"Der Countdown läuft - Der Euro kommt." Bis zum Jahreswechsel beleuchtet der Tagesspiegel jeweils am Sonnabend mit Berichten, Reportagen, Interviews und Standpunkten die verschiedenen Aspekte der Euro-Bargeldeinführung.

Oldenburg. "Ich will den Euro nicht." Das kleine Mädchen in Pink ist höchstens neun Jahre alt. Mit großen traurigen Augen steht sie im Euro-Zelt und sieht Angela Joosten an. Dumm, dass heute Dienstag ist. Wäre heute Wochenende, könnte ein als "Euro-Maus" verkleideter Student zu Hilfe eilen und zum Trost vielleicht einen Schoko-Euro oder Euro-Spielgeld reichen. "Aber warum denn nicht?" fragt Joosten. "Die Scheine sind hässlich und man muss soviel rechnen", sagt das Mädchen.

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Der Euro kommt - Infos zur Währungsumstellung Angela Joosten ist 38 Jahre alt und zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei der "Aktionsgemeinschaft Euro". Im Auftrag der Bundesregierung, der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments hat die Aktionsgemeinschaft und mit ihr Frau Joosten die Aufgabe, den Bürgern alles über den Euro zu erzählen, den sie vom 1. Januar 2002 in den Händen halten werden. Daher tourt Joosten seit April mit einem Euro-Zelt der Aktionsgemeinschaft und der Bundesbank durch Deutschlands Fußgängerzonen. An Wochenenden gibt es neben dem Eurozelt noch ein wenig Familienspaß, wie die Euro-Maus und die Schoko-Euro-Wurfmaschine. Aber am Dienstag gibt es nur Faltblätter mit Titeln wie "Der Euro ist da. Wir sagen Ihnen, worauf es ankommt".

Rund 60 Leute stehen an diesem Vormittag dicht gedrängt in dem kleinen Zelt, blättern in Broschüren und fragen: Wie lange nehmen die Geschäfte noch D-Mark-Banknoten an? Wie lange kann ich wo mein Geld umtauschen? Wird alles teurer? Und vor allem: Passen die Scheine noch ins Portemonnaie? "Hören sie mal, die Scheine sind ja viel zu groß!" Der stämmige Mann, um die 60 Jahre alt, hat einen 20-Mark-Schein rausgekramt und hält ihn an den 20-Euro-Schein, der auf dem Plakat "Unsere Euro-Banknoten auf einen Blick" abgebildet ist. Tatsächlich, der Euro-Schein ist deutlich größer. Angela Joosten eilt zur Hilfe: "Nein, der ist in Wirklichkeit kleiner. Die Banknoten auf dem Plakat haben nicht die Originalgröße." Der Mann wirkt erleichtert. "Jeder Dritte fragt das", sagt Joosten später.

Die Eurozelttour geht durch hundert Städte, und bleibt je zwei Tage an einem Ort. Heute ist es Oldenburg in Niedersachsen. Zwei Mitarbeiter der Landeszentralbankfiliale Oldenburg helfen Angela Joosten bei ihrer Arbeit, Frau Bode und Herr Beer. Die beiden tauschen für nur zwei Tage Bank gegen Bürgernähe und finden das "spannend". Angela Joosten, rothaarig, sommersprossig und mit unverdrossen strahlendem Lächeln, steht seit 66 Tagen im Zelt. Oldenburg ist die 33ste Station auf der Werbetour. Niedersachsen, findet Joosten, ist leicht, relativ aufgeschlossene Leute, genauso wie in Nordrhein-Westfalen. Bayern und Ostdeutschland hingegen seien da schon schwieriger. Auf Berlin freut sie sich besonders: "Das ist am 1. September. Dann dürfen wir echte Euroscheine zeigen."

Ein Mädchen kämpft mit den Multiple-Choice-Fragen des Euro-Gewinnspiels. "Wie viele Länder nehmen an der Währungsunion teil? Woher soll ich das wissen?", sagt sie maulig. Frau Bode zeigt ihr, wo sie ihr Kreuzchen machen muss. Zum etwa hundertsten Mal heute, dabei ist erst kurz nach Mittag. Herr Beer präsentiert einem kritisch dreinblickenden Teenager eine Kollektion verschiedener Klarsichttütchen, die mit kleingeschredderten D-Mark-Banknoten gefüllt sind. Der Junge kann sich nicht recht entscheiden, welches Tütchen er möchte. Tüten mit hohem Blauanteil sind aus. Es sind nur noch überwiegend grüne da.

"Den starken Dollar hat uns der Euro eingebrockt!" Der Mittvierziger im hochgeknöpften blauen Hemd hat sich vor Angela Joosten aufgebaut und guckt sie wütend an. Sein Blick bedeutet: Das haben Sie mir eingebrockt. "Der Dollar war lange vor Euro-Zeiten noch höher", sagt Angela Joosten sehr freundlich und erklärt wortreich, dass es auch wichtige Handelspartner im Binnenmarkt gäbe. Vor ihr baut sich eine Allianz von D-Mark-Fans auf, zu der eine Rentnerin und ein Westenträger gehört. "Was kostet die Umstellung eigentlich?" fragt der Westenträger vorwurfsvoll. "Das kann ich nicht beziffern", sagt Frau Joosten. "Was das wohl alles kostet, allein das Zelt hier, und das von unseren Steuergeldern", sagt der Westenträger. "Und dafür sagen sie Schwarzgeldbesitzern, wo sie ihre Scheine umtauschen können", sagt jemand. Es heute das einzige Mal, dass Angela Joostens Contenance ins Wanken gerät. "Sie meinen, die Informationen sind überflüssig? Dann stellen Sie sich doch mal eine Stunde hierher!" Dann lächelt sie wieder.

Herr Parnicke, Euro-Beauftragter der Handwerkskammer Oldenburg, ist gekommen und stellt sich vor. "Ich wollte ihnen ein bisschen unter die Arme greifen, ist ja viel los hier. Sie freuen sich sicher," sagt er. Frau Joosten, Frau Bode und Herr Beer versuchen, sich sehr zu freuen. Herr Parnicke will den Oldenburgern erklären, wie die Scheine aussehen, was sie mit ihren Peseten aus dem letzten Urlaub machen sollen, und wie der Umrechnungskurs des Euro zur Mark ist. Er ist aber nicht darauf vorbereitet, eine Frau darüber hinweg zu trösten, dass sie ihre genau auf eine D-Mark-Münzen zugeschnittene Spardose mit Zählwerk wegschmeißen muss, da die Euro-Münzen eine andere Größe haben.

Noch weniger ist er auf den energischen Rentner vorbereitet, der ihm mit einem Zeitungsartikel vor der Nase rumfuchtelt. "Hier steht, die Franzosen wollen hinter unserem Rücken den Franc in ihren afrikanischen Kolonien einführen und so Afrika zur Euro-Zone machen!" Herr Parnicke blickt etwas ratlos auf den Ausriss. Die Quelle des Artikels ist geschwärzt. Es ist dem rüstigen Rentner wohl doch peinlich, dass er seine Falschmeldungen offensichtlich im Rechtsaußen-Blatt "Junge Freiheit" liest. "Sie verdummen das Volk!" sagt der Rentner und erklärt lautstark, worüber das gebildete Volk Bescheid wissen müsste. Diesen Wortschwall hatte Herr Parnicke nicht erwartet. Er blickt hilflos um sich. Kurz darauf muss er zu einem ganz dringendem Termin. "Viele Leute sehen den Euro auch positiv, als praktisches Zahlungsmittel für ein geeintes Europa.", sagt Angela Joosten später, kurz vor 19 Uhr, als das Euro-Zelt schließt. Heute waren wohl nicht so viele dabei. Obwohl die Niedersachsen ansonsten so aufgeschlossen sind.

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