Wirtschaft : Euro-Countdown: noch 20 Wochen: Paris wirbt breit für den Euro

Michael Kläsgen

"Der Countdown läuft - Der Euro kommt." Bis zum Jahreswechsel beleuchtet der Tagesspiegel jeweils am Sonnabend mit Berichten, Reportagen, Interviews und Standpunkten, die verschiedenen Aspekte der Euro-Bargeldeinführung.

In Frankreich gehen die Uhren anders. Hier wirbt seit Anfang dieses Jahres ein junges Mädchen für den Euro. Lise ist ihr Name. Sie hat braune Haare ein breites Grinsen. Sie tritt in Fernsehen und Radio auf. Die Regierung hat mit der Zwölfjährigen bewusst noch fast ein Kind gewählt. Mit Lise will sie die breite Bevölkerung spielerisch auf den Euro einstimmen. Die Botschaft des Mädchens: Der Euro ist einfach, ein Kinderspiel.

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Der Euro-Countdown In einem Land, in dem viele Ältere noch in alten Francs rechnen, wirkt die Kampagne etwas waghalsig. Haben es die Franzosen doch allein aufgrund des Umrechnungskurses schwieriger als die Deutschen. Mal 6,55957 zu rechnen ist allemal komplizierter als mit 2 zu multiplizieren. Trotzdem sieht die Regierung schon erste Erfolge ihrer Euro-Kampagne. Lise kommt an. Viele Franzosen haben sie gleich in ihr Herz geschlossen. Natürlich wirbt nicht nur Lise für den Euro. Wirtschafts- und Finanzminister Laurent Fabius höchstpersönlich ist Teil einer präzise geplanten Werbekampagne, die bis in das nächste Jahr hineinreicht, wenn die Europäer die neue Währung längst in den Händen halten werden. Vor- und Nachbereitung sozusagen. Journalisten werden ständig über den Stand der Dinge informiert. Diese Informationen sollen sie dann weiter tragen.

Doch meistens sind es Dinge, die man nicht für so wichtig hält. Dass Frankreichs Beamte ihr Gehalt beispielsweise seit dem 1. Juli in Euro bekommen. Oder wie viele Franzosen schon bargeldlos in Euro zahlen. Eigentlich will die Regierung damit signalisieren: Wir tun alles, um die Franzosen zu sensibilisieren. Fabius selber schwärmt mit einem ganzen Tross von Helfern regelmäßig aus in die Provinz. Redet dort mit den Menschen. Bittet sie eindringlich, aber lächelnd, kein Geld unter der Matratze zu lassen. Dort sollen enorme Summen schlummern.

Trotz all der Mühen der Regierung finden sich immer noch welche, denen das noch nicht ausreicht. Der Arbeitgeberverband Medef ist so einer. Er schlägt Alarm. Kleine und mittlere Unternehmen bereiteten sich nur schleppend auf die Euro-Einführung vor, habe eine Umfrage ergeben. Ein Drittel der Firmen mit bis zu 500 Beschäftigten hätte bis zum Frühjahr noch nicht mit der Umstellung begonnen.

Der Medef startete aus Frust seine eigene Kampagne. Der Unternehmerverband ist auf die Regierung besonders schlecht zu sprechen, weil diese seiner Meinung nach Mittelständler doppelt belastet. Diese müssen zur Jahreswende nämlich nicht nur den Euro einführen, sondern auch die 35 Stundenwoche. Jene gesetzlich verordnete Arbeitszeitverkürzung, die Großunternehmen schon längst vollzogen haben. Wie beispielsweise Europas größtes Energieunternehmen Electricité de France (EdF), das seit Anfang des Jahres Stromrechnungen in Euro verschickt, was vereinzelt zu großen Irritationen geführt hat. Gezahlt wurde nämlich der viel geringere Betrag - nur in Franc, statt in Euro.

Verwirrung herrschte auch andernorts. Mehr als 20 000 Unternehmen deklarieren ihre Steuern gegenüber dem Finanzamt seit Februar in Euro - Tendenz steigend. Laut "Le Monde" liegt Frankreich im Mittelfeld, was die Vorbereitung anbelange, wie Deutschland. Das habe eine Studie ergeben. Doch was das Land besonders zu kennzeichnen scheint, ist, dass die Regierung lautstark die Werbetrommel rührt und die Medien pflichtgemäß längst ihre Rubrik geschaffen haben, um zu illustrieren, wie viel Euro bald ein Baguette, eine Briefmarke oder die Metrokarte kostet, doch offenbar schert sich kaum jemand darum. Keine nervöse Vorfreude, keine grundsätzliche Ablehnung. Manchmal sogar eher Schmunzeln. Denn mit "Euro" lassen sich Wortspiele machen. "Soyons euro" hört sich an wie: "Seien wir glücklich." Kabarettisten sprechen "Euro" dagegen so aus, dass es sich nach "Rülpser" anhört. So nutzt jeder auf seine Weise die neue Währung für seine Zwecke.

Die Aufgabe des Bankenverbandes ist es, als Warner in der Not zu fungieren. Um die Geldautomaten sei es schlimm bestellt, stellte der Verband in einer Studie fest. Frankreich laufe Gefahr, dass höchstens die Hälfte der Bankautomaten schon in der Nacht zum 1. Januar Euro ausspucken werden. Wie die Situation in fernen Ländern Frankreichs, beispielsweise in Französisch Guyana ist, darüber möchten manche erst gar nicht nachdenken. Die Banque de France versichert indes, alles im Griff zu haben. Ein Sicherheitsnetz hat man sich ohnehin gelassen. Frankreich führt den Euro nicht mit einem "Big bang", sondern innerhalb einer Übergangsphase von drei Wochen ein.

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