Wirtschaft : Euro-Countdown: noch 22 Wochen: "Die DM-Einführung war ein Klacks dagegen"

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"Der Countdown läuft - Der Euro kommt". Bis zum Jahreswechsel beleuchtet der Tagesspiegel jeweils am Sonnabend mit Berichten, Reportagen, Interviews und Standpunkten die verschiedenen Aspekte der Euro-Bargeldeinführung.

Ein paar tausend Mark in der Schublade haben schon etwas Beruhigendes. Aber wer hat so viel Geld einfach rumliegen? Peter Walter bewahrt die 50- und 100-Mark-Scheine im untersten Fach seines Büro-Regals auf. Luftdicht verpackt enthält jedes der "Geld-Briketts" Banknoten im Wert von rund 75 000 Mark. Kaufen kann man sich davon allerdings nichts mehr, denn die Scheine sind geschreddert. Für Peter Walter sind die "Geld-Briketts" ein Souvenir. Walter ist Bankdirektor bei der Deutschen Bundesbank.

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Der Euro-Countdown 1990 hat er als Leiter der Hauptkasse die D-Mark in den neuen Bundesländern eingeführt. Elf Jahre später muss er sich nun darum kümmern, dass diese Währung in Deutschland reibungslos verschwindet. Mit seinem Team steht er vor einer der größten logistischen Herausforderungen, die es in der Bundesrepublik je gegeben hat: der Einführung des Euro-Bargeldes am 1. Januar 2002. Anzumerken ist ihm die Anspannung nicht. Bevor der Count-down beginnt, hat er noch einmal Ferien gemacht.

Die zehn Stunden, die er zur Zeit mindestens an seinem Schreibtisch verbringt, stören ihn nicht weiter. "Der Stress ist ja zeitlich begrenzt", sagt er. Ein Job wie jeder andere, könnte man meinen, wenn man Peter Walter so reden hört. Doch schon der Arbeitsplatz ist ungewöhnlich: Die Abteilung im dritten Stock der Bundesbank, in der Walter und seine Mitarbeiter auf Hochtouren die Euro-Einführung vorbereiten, kann nur durch eine Sicherheitsschleuse und in Begleitung eines Mitarbeiters betreten werden. Selbstverständlich verfolgen auch Videokameras hier jede Bewegung.

Alltäglich ist das Projekt Euro-Bargeld-Einführung auch für einen so erfahrenen Banker nicht. Die DM-Einführung sei dagegen fast ein Klacks gewesen. Vor allem die Produktion der Banknoten und die Logistik laufen beim Euro anders als bei der Einführung der Mark in den neuen Bundesländern. Damals war die Bundesbank für die Produktion der Scheine und Münzen inklusive der Motivauswahl allein verantwortlich. Diesmal muss alles mit den europäischen Partnern abgestimmt werden. "Finden Sie einmal bei sieben Scheinen und zwölf beteiligten Ländern geeignete Porträt-Motive. Da gingen die Auseinandersetzungen sofort los", sagt der Bundesbanker. Angesichts der unterschiedlichen nationalen Interessen verwundert es nicht, dass der Startschuss für die Koordination bereits 1992 fiel. Bilaterale Kontakte, das heißt ein Telefonat mit dem einen oder anderen europäischen Kollegen, haben, sagt Peter Walter, die Zusammenarbeit doch erheblich erleichtert.

Auch logistisch muss mehr bewältigt werden als beispielsweise 1990. "Es ist schwierig, weil die ganze Wirtschaft beteiligt ist", sagt Walter. Zwei Jahre hat es gedauert, bis sich alle Beteiligten auf das "Drehbuch" oder wie es offiziell im Bundesbank-Deutsch heißt "das gemeinsame Konzept zur Inverkehrnahme von Euro-Bargeld in der Bundesrepublik Deutschland" geeinigt hatten. Die Beteiligten, das sind 24 Verbände, darunter die Verbraucherverbände, der Einzelhandel, die Banken sowie das Finanz-, das Innen- und das Wirtschaftsministerium und natürlich die Bundesbank. Und immer noch sind nicht alle zufrieden gestellt: So befürchtet die Automatenindustrie hohe Verluste und fordert von der Bundesbank eine Lösung. Die zu finden ist auch für Peter Walter, bei dem die Beschwerden zusammenlaufen, nicht immer leicht.

Aktuell läuft alles nach Plan und die Stimmung der 150 Mitarbeiter in der Hauptkasse ist gut. Bei den derzeit anfallenden Überstunden gehört sicher einiges dazu, die Kollegen bei Laune zu halten. "Die Mitarbeiter sehen es als einmalige Chance, nach dem Motto: Wir waren dabei", sagt der Hauptabteilungsleiter zum Engagement seiner Kollegen. Dass es auch sein Verdienst sein könnte, weist er weit von sich. Ulrich Brüggemann, Walters Stellvertreter und einer seiner engsten Mitarbeiter weiß anderes zu berichten: "Er ist mit vollem Einsatz dabei und versteht es, andere zu motivieren." Und ganz wichtig: "Er kann gut mit Stress umgehen."

Schlaflose Nächte hat Peter Walter angesichts der "historischen Aufgabe" zumindest nicht. "Man darf nicht so ängstlich sein. Wenn so viele Menschen zusammenarbeiten, kann es auch einmal Pannen geben." Seine Abteilung ist auf den Notfall gut vorbereitet. 15 Mitarbeiter bilden die schnelle Einsatz-Truppe, die so genannte "Task-Force", mit der Aufgabe, Probleme und Problemchen aus der Welt zu schaffen. Walters Büro ist das Lagezentrum. Von hier aus können über eine Konferenz-Schaltung alle beteiligten Länder sofort kontaktiert werden. Natürlich wird Peter Walter am 31. Dezember 2001 in seinem Büro sein. Bei Selters, wie er sagt, um die erste Feuerprobe zu bestehen. Kurz nach 24 Uhr wird Ernst Welteke, der Präsident der Deutschen Bundesbank, ins Kassenhäuschen im Erdgeschoss der Hauptkasse gehen und testen, ob der Geldautomat tatsächlich Euroscheine ausgibt. Auch wenn mit der "historischen" Aufgabe keine Gehaltserhöhung verbunden war, wie Peter Walter lachend erzählt, ist er sicherlich so gut vorbereitet, dass er den Test seines Chefs ohne Probleme bestehen wird.

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