Wirtschaft : Euro-Countdown: Null Bock auf die Gemeinschaftswährung

Martina Ohm

Die Bundesregierung weiß schon, warum sie von Volksbefragungen lieber die Finger lässt. Ob Euro oder EU-Osterweiterung - würde man heute die Bundesbüger an der Wahlurne darüber abstimmen lassen, ob sie ihre gute, alte Mark in Euro tauschen wollen: Die Anwort wäre Nein - und politisch unerwünscht. Das Ende der Mark erscheint vielen als Preis für die deutsche Einheit, eine Geste an das Frankreich Mitterrands. Dass sich mit dem Fall der Mauer die einmalige Chance bot, einen uralten europäischen Plan endlich zu verwirklichen - wen kümmert das schon? Ausgerechnet jetzt, da der Countdown läuft, das Experiment Euro sinnlich erfahrbar wird, ist die Stimmung für Europas Gemeinschaftswährung nahezu auf dem Nullpunkt angelangt. Zehn Monate vor der Einführung des Euro bleiben 60 Prozent der Deutschen skeptisch; in Ostdeutschland sind die Aversionen noch ausgeprägter. Schon Jacques Delors hatte erkannt: "Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle an die Deutsche Bundesbank." Soll heißen: an die gute, alte Mark. Joachim Goldberg, Ex-Devisenhändler bei der Deutschen Bank, drückt es profaner aus: "Die Deutschen sind nicht zum Teilen bereit und wollen am Altvertrauten festhalten". Und der Berliner Psychologe Konrad W. Sprai spricht von der "Furcht vor dem Unbekannten". Eine satte Mehrheit würde das Rad heute jedenfalls am liebsten wieder zurückdrehen.

Das freilich wird kaum gehen. Vorausschauend haben die Väter der Währungsunion ein solches Szenario erst gar nicht vorgesehen. Einem Katalysator gleich soll der Euro die Union zusammenschweißen. Auch die Euro-Strategen, mit Logisitk und Informationskampagnen betraut, winken ab. "Blanke Theorie," sagt Peter Walter, Chef-Koordinator der Bundesbank, zuständig für die Euro-Bargeldeinführung. Seit anderthalb Jahren laufen die Vorbereitungen auf vollen Touren. Das Drehbuch steht. "Die meisten Menschen sind ohnehin erst einmal dagegen," beschwichtigt Walter. "Vor zehn Jahren wollte auch keiner unsere neuen Scheine. Heute lieben die Leute ihr Geld heiß und innig. Sie werden sehen, wenn erst mal die Werbung läuft".

Ja, ja die Werbung. Vier Millionen Info-Faltblätter und eine halbe Million Plakate, die die Bundesbank bislang unter die Leute brachte, finden zwar Absatz - doch der Stimmung hilft das bislang herzlich wenig. Jetzt will die Bundesbank mit einer Zelttour in 100 Städten auf Werbetour gehen. Am Bürgertelefon soll allen Ratsuchenden Auskunft gegeben werden. Und während die Europäische Zentralbank diverse Medienkampagnen lanciert, wird in Seniorenheimen mit einem Holzkasperl Stimmung gemacht. Die saarländische Puppenbühne Dieter Kussani, gesponsert von Volks- und Raiffeisenbanken, tingelte bisher nur durch Kindergärten und Schulen.

Wäre Deutschland doch Italien! Die Euro-Bargeldeinführung wäre ein Klacks. "Anders als die Deutschen, freuen sich die Italiener auf den Euro", sagt Florian Schültke. Er ist Geschäftsführer der Frankfurter Werbeagentur Publicis Dialog, die im Sommer 2000 den Zuschlag für die Kampagne der Arbeitsgemeinschaft Euro erhielt, hinter der Bundesregierung, EU-Kommission und EU-Parlament stehen. Sein Motto "Echte Werte setzen sich durch. Der Euro." überzeugte das federführende Bundespresseamt, das 50 Agenturen um anonyme Bewerbung innerhalb von acht Wochen bat - ohne Präsentation. Einer Marke gleich soll der Euro jetzt aufgepeppt werden.

Ob sich aber mit Assoziationen wie Sicherheit, Freiheit, Leistung, Demokratie und Gemeinschaft die Sorgen der Bürger in Luft auflösen? Dann schon lieber Verona Feldbusch und Peter Ustinov. Doch was nicht ist, kann noch werden. Die so genannte "blaue Kampagne" war, wie Peter Ruhenstroth-Bauer, Vizechef des Bundespresseamtes erklärt, nur der Auftakt einer fünfteiligen Werbeaktion, die bereits im März emotionaler werden soll. Es bleibt viel zu tun. Die Statistiken machen deutlich: Selbst dort, wo schon heute die Nutzung des Euro möglich ist, wird davon nur bedingt Gebrauch gemacht. Nach Berechnungen der EU-Kommission haben weniger als ein Prozent der Unternehmen ihre Buchführung bisher auf Euro umgestellt. Und der Anteil des Euro am Zahlungsverkehr zwischen Privatpersonen erreicht mengenmäßig im Schnitt nicht einmal zwei Prozent. Selbst bei den Firmen sieht es mit rund drei Prozent kaum besser aus. Außerdem nimmt die Zahl der in Euro geführten Konten ab.

Ob all das tatsächlich nur eine Folge der - mittlerweile gebremsten - Euro-Schwäche ist? Kritiker Joachim Starbatty kommt in seinem neuen Buch "Euro-Illusionen" zu einem anderen Resultat: "Die Währungsunion ist mehr als nur eine Vergemeinschaftung der D-Mark. Ohne politische Union funktioniert sie einfach nicht". Und doch - das Projekt ist zum Erfolg verurteilt. Manch einem Eurokraten bleibt da nur Zynismus: "Stell Dir vor, es ist Januar 2002, und alle haben das Gefühl, im Ausland zu sein."

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