Wirtschaft : Euro: Der Wendepunkt

Die Sorge vor einer Abkühlung der US-Konjunktur und die schwachen Aktienmärkte haben den Euro am Freitag auf 90 Cents steigen lassen - den höchsten Stand seit September. Schlechte Nachrichten vom Softwarekonzern Microsoft, der seine Umsatz- und Ergebnisprognose nach unten korrigieren musste, setzten die US-Börsen und den Dollar unter Druck. Zugleich verdichteten sich die Anzeichen für eine Abschwächung der US-Konjunktur. Die Industrieproduktion ging im November erneut zurück.

Unbeeindruckt zeigte sich der Euro auch von den schwächer als erwartet ausgefallenen Ifo-Zahlen. Danach hat sich das Geschäftsklima in Deutschland zuletzt stärker abgekühlt, als von Analysten erwartet worden war. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,8984 (Donnerstag: 0,8839) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 2,1770 (2,2127) Mark. Vor drei Monaten hatten Stützungskäufe der G 7-Notenbanken der Gemeinschaftswährung auf dieses Niveau verholfen. Gegen die japanische Währung stieg der Euro auf ein Vier-Monatshoch von über 101 Yen und gewann damit zum Vortag mehr als ein Prozent. Händler machten für den Kursauftrieb vor allem die Schwäche der US-Aktienmärkte nach einer Serie von Gewinnwarnungen sowie Sorgen über die zukünftige Entwicklung der US-Konjunktur verantwortlich. Der Dow-Jones-Index der 30 führenden Industriewerte sank am Freitag zum Handelsauftakt um 1,54 Prozent, der Nasdaq-Index verlor 2,88 Prozent. Am deutschen Markt gerieten die Technologiewerte ebenfalls ins Rutschen: Der Nemax-50 verlor bis zum Abend 4,5 Prozent, der Dax gab 1,18 Prozent auf 6393,84 Punkte ab.

Wie zuvor schon mehrere Technologieunternehmen hatte der US-Softwarekonzern Microsoft am Donnerstag nach US-Börsenschluss seine Gewinn- und Umsatzerwartung gesenkt. Als Grund dafür nannte Microsoft die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums sowie niedrigere Ausgaben der Konsumenten und Unternehmen. Die Investmentbank Goldman Sachs senkte zudem die Gewinnprognose für das Unternehmen für 2001. Microsoft-Finanzchef John Connors sagte: "Wir glauben, dass die derzeitige Schwäche der Weltwirtschaft zu einer Verlangsamung der PC-Verkäufe, der Ausgaben der Unternehmen für Informationstechnologie und Werbung führt."

Die nicht abreißende Serie von Gewinnwarnungen von US-Unternehmen - am Freitag sprachen auch die Fusionspartner Chase Manhattan und JP Morgan eine Gewinnwarnung aus - verstärkte den Analysten zufolge die Unsicherheit über die Zukunft der US-Wirtschaft. "Ich glaube nicht, dass die US-Wirtschaft schrumpfen wird, aber sie wird sich auf jeden Fall verlangsamen", sagte William Dudley, US-Chefvolkswirt bei Goldman Sachs. Die Zahl der Gewinnwarnungen liegt nach Angaben von Chuck Hill, Forschungsleiter bei First Call/Thomson Financial, in diesem Jahr 60 Prozent über dem Vorjahr. "In diesem Quartal befinden sich die Schätzungen in freiem Fall", sagte Hill. Einige Währungsanalysten sprachen von einem Wendepunkt.

Die amerikanische Notenbank Fed teilte am Freitag in Washington mit, die Industrieproduktion der USA sei im November um 0,2 Prozent gefallen, nachdem sie bereits im Oktober mit minus 0,1 Prozent leicht rückläufig war. Es war das erste Mal seit Mitte 1998, dass sich die Produktion der amerikanischen Industrie in zwei aufeinander folgenden Monaten reduzierte. Vor allem die Autohersteller mussten kürzer treten. Die Fed bezifferte die Kapazitätsauslastung der US-Industrie im November auf 81,6 Prozent nach 82,1 Prozent im Oktober.

In diesem Umfeld wirkte sich auch das etwas unter den Erwartungen liegende Geschäftsklima in Deutschland dem Euro-Kurs nicht negativ auf den Euro aus. Der Geschäftsklima-Index Westdeutschland sank nach Angaben des Münchner Ifo-Instituts im November auf 97,0 Punkte nach 97,2 Punkten im Oktober. Von Reuters befragte Analysten hatten mit einem Rückgang auf 97,1 Punkte gerechnet. Damit sank das in der Wirtschaft viel beachtete Stimmungsbarometer den sechsten Monat in Folge um insgesamt rund fünf Punkte auf den tiefsten Stand seit Oktober 1999. Viele Analysten sehen nun jedoch den Boden erreicht. "Die Zahlen deuten auf eine Stabilisierung hin", sagte Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin. Auch Uwe Angenendt von der BHF Bank bezeichnete die Abschwächung der Wirtschaft in Deutschland als vorübergehend. "Das wird die Euro-Rallye nicht von den Beinen reißen", fügte Jeremy Stretch, Währungsanalyst bei RBC Dominion Securities in London, hinzu.

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