Wirtschaft : Euro: Die Aussichten für die Gemeinschaftswährung bessern sich

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Seit die Konjunktur in den USA Anzeichen von Ermüdung erkennen lässt, ist der Euro im Aufwind. Erstmals seit knapp drei Monaten übersprang die Gemeinschaftswährung am Montag im internationalen Devisenhandel kurzzeitig die Marke von 0,90 Dollar. In London kletterte der Euro am Vormittag kurzfristig auf 0,9015 Dollar - und damit auf den höchsten Stand seit Ende August. Im späteren Handelsverlauf gab der Kurs des Euro wieder leicht nach. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,8966 (Freitag: 0,8984) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 2,1814 (2,1770) Mark.

Die Währungsexpertin der Sozialdemokraten im Europaparlament, Christa Randzio-Plath, hat unterdessen gefordert, das Thema Euro zur Chefsache zu machen. Die EU-Staats- und Regierungschefs müssten sich im kommenden Jahr der Sache annehmen, bevor der Euro am 1. Januar 2001 eingeführt werde, forderte die deutsche Abgeordnete am Montag in Brüssel. Siebzig Prozent der Bürger fühlten sich über den Euro schlecht informiert.

Für die Zukunft des Euro dürfte die nun endgültige Wahl des Republikaners George W. Bush zum neuen Präsidenten der USA weniger entscheidend sein als die hauchdünne Mehrheiten seiner Parteigenossen in den beiden Kongresskammern, schätzt das Investmenthaus Merrill Lynch. "Vergessen wir nicht: Bush will die Steuern massiv senken, und das würde die Haushaltsüberschüsse gefährden", sagt der Volkswirt James Winder, der bei Merrill Lynch & Co die globale Konjunkturentwicklung beobachtet. "Da in fiskalischen Dingen die Legislative das letzte Wort hat, ist der Handlungsspielraum des Präsidenten begrenzt."

Merrill Lynch setzt seit geraumer Zeit auf den Euro. Dafür gibt es aus Winders Sicht mehrere Gründe: In Europa werde der Wachstumsrückgang im kommenden Jahr geringer sein als in den Vereinigten Staaten. In den USA erwartet er einen Rückgang von etwa fünf Prozent auf drei Prozent im Vergleich zu 3,5 Prozent auf 2,75 Prozent in Euroland. Ein weiteres Plus für den Euro ist laut Winder der fortschreitende Reformprozess in Europa. Er verweist auf eine Studie des europäischen Arbeitsmarktes, die sein Merrill-Lynch-Kollege Holger Schmieding unter dem Titel "Euroland: Auf dem Weg zur Vollbeschäftigung" veröffentlicht hat.

Schmieding stellt folgende Punkte heraus: Die Beschäftigungsrate steigt in Europa fast genau so schnell wie in den USA, die Lohnkosten werden 2001 nur um etwa drei Prozent zunehmen. "Wenn der nominelle Lohnkostenanstieg weiter um zwei Prozent hinter dem nominellen Wachstum des Bruttoinlandsproduktes zurückbleibt, ist die Vollbeschäftigung im Euroland bis 2007 möglich", schreibt Schmieding.

Dies ist im Urteil der beiden Experten die Folge flexiblerer Arbeitsmärkte: der Einfluss der Gewerkschaften lässt nach, vor allem in Deutschland, und die Teilzeitbeschäftigung nimmt in Kontinentaleuropa zu. Als Schritt in die richtige Richtung hebt Winder das vor mehreren Monaten verabschiedete Steuerpaket in Deutschland hervor. "Der Wendepunkt der Euro-Schwäche liegt hinter uns", konstatiert der Volkswirt. "Mit der Schmälerung der Wachstumslücke zwischen den USA und Europa und der Wahrscheinlichkeit weiterer Strukturreformen werden Kapitalzuflüsse nach Europa 2001 leichter sein als dieses Jahr - und das dürfte den Euro stärken."

Wenn der Reformprozess stecken bliebe und die EZB-Politik auf Widerstand stieße könnte das die Fortsetzung der Euro-Erhiolung blockieren, meint Winder. "Die Inflationsbekämpfung der EZB ist seit zwei Jahren erfolgreich, doch mit ihrer Struktur müssen sich die Investoren erst zurechtfinden", fügt er hinzu. Sie sei komplizierter als in den USA, wo praktisch nur ein Mann die Geldpolitik bestimme. Auch das sei ein Grund, warum manche Investoren noch Vorbehalte gegenüber Europa hätten.

Nach Winders Einschätzung überwiegt aber das Positive. Momentan zeigten Statistiken auch keine Kapitalabflüsse aus den USA. Ein wachstumsbedrohendes Risiko sieht Winder im Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz von vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr. "Wären wir ein Schwellenland, müsste man jetzt Alarm schlagen." sagt der Merrill-Lynch-Experte. Zur Finanzierung der Lücke seien die USA weiter auf hohe Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen.

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