Wirtschaft : Euro erleidet zum Jubiläum neuen Schwächeanfall

ANKE REZMER/HB

Einem furiosen Auftakt folgt mitunter tiefer Fall. Derart spötteln vor allem angelsächsische Finanzexperten über das erste halbe Jahr der europäischen Gemeinschaftswährung. Richtig ist, daß der Wechselkurs des Euros zur Weltreservewährung US-Dollar vom dritten Handelstag an nahezu stetig gesunken ist. Offenbar vertrauen Anleger der zweiten Weltreservewährung nicht. Gerade Auslandsinvestoren dürften ähnlich denken wie Japans Premier Keizo Obuchi, der sagte: "Bevor Japan den Euro als Reservewährung nutzt, muß er seine Stabilität erst beweisen."Allerdings beweist der Euro seit dem ersten Tag seines Bestehens, daß er Transparenz an den Märkten schafft: Käufer, auch Anleger, erkennen auf einen Blick, wo ihr Produkt am billigsten ist. "Als internationale Anlagewährung hat sich der Euro bewährt", lobt André Tomfort, Leiter Fixed Income der Schweizer Bank Julius Bär. Er hebt hervor, daß der Euro-Bondmarkt vom Emissionsvolumen her zu den USA aufgeschlossen habe.Auch wenn der Europäischen Zentralbank (EZB) in punkto Preisstabilität nichts vorzuwerfen ist: Die Abwertung des Euros gegenüber dem Dollar um in der Spitze 13 Prozent hat die Finanzwelt enttäuscht und verunsichert. "Wir waren zu optimistisch", sagt Commerzbank-Analyst Bernhard Pfaff. Als Hauptgrund für die Euro-Schwäche nennen Bankexperten die im Vergleich zu den USA schwache Euroland-Wirtschaft: Bereits im Januar drückten Spekulationen über Zinssenkungen in Europa den Euro auf 1,13 Dollar. Im Februar verdeutlichten Zahlen über das US-Wachstum für das 4. Quartal 1998 überraschend, wie stark die US-Konjunktur ist. Zugleich versuchte der damalige Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, die EZB zu einer Zinssenkung zu bewegen. Als Mitte Februar Japans Zinsen zu klettern begannen, Politiker zudem erstmals über schwindendes Euro-Vertrauen redeten, rutschte der Wechselkurs unter 1,10 Dollar. Auch Reden des US-Notenbankchefs Alan Greenspan, die zumeist Zinsängste schürten, schwächten den Euro. Den Anlegern fehle das Vertrauen in Europas Regierungen, strukturelle Defizite wie am Arbeitsmarkt und bei Staatsschulden anzupacken, beklagen Analysten noch heute. Selbst Lafontaines Rücktritt hob den Euro nur einen Tag lang über die 1,10 Dollar.Der Euro erhielt Druck von allen Seiten: Ende März begann die Nato, Serbien zu bombardieren, was Anleger zusätzlich in den Dollar flüchten ließ. Am 8. April sorgte die EZB für Verunsicherung, die mit nicht nachvollziehbarer Begründung den Euro-Leitzins auf 2,5 Prozent senkte, meint Holger Schmieding, Chefvolkswirt Europa bei Merrill Lynch. Als Italien im Mai ein höheres Etatdefizit eingeräumt wurde, ohne die Verbindung zum dort geringeren Wirtschaftswachstum zu erklären, wie Pfaff meint, sahen Anleger den Euro auf 1,04 Dollar sacken. Zinsängste und zähe Kosovo-Friedensbemühungen drückten den Kurs weiter. Auf ein neues Rekordtief sank der Euro am Freitag. Nach der Zinserhöhung in den USA rutschte der Kurs auf 1,0241 Dollar.Der Wirtschaft Eurolands kommt der niedrige Euro zugute: Er stützt die Exportfirmen, die für die Erholung sorgen müßten. "Weicher Euro, guter Euro", resümiert Schmieding. Allerdings scheine es, als wäre der EZB eine harte Währung lieber. In Europa zeigen sich gleichwohl Anzeichen einer Erholung. Manche Analysten rechnen zudem mit einer Abschwächung der US-Wirtschaft. Bis Jahresende erwarten Analysten einen Euro zwischen 1,08 und 1,10 Dollar.

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