Wirtschaft : Euro: Es kann nicht nur Sieger geben

Carsten Brönstrup

Die Aufregung währte nur kurz. Als die Inflation in Deutschland im Frühjahr 2001 auf die Marke von 3,6 Prozent kletterte, war das Entsetzen groß. Der schwache Euro und die teure Energie trieben die Preise in die Höhe; Pessimisten warnten vor drohender Instabilität der Währung, vor dem Abschwung und der Flucht in die Sachwerte. Doch bevor es so weit kommen konnte, war der Spuk wieder vorüber - im November war die Rate der Geldentwertung auf 1,7 Prozent gesunken.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Iren können über die Hysterie der Deutschen nur lächeln. Der Euro hat auf der Insel den Inflations-Turbo gezündet: Bei satten sechs Prozent lag sie Ende 2000, in diesem Jahr pendelt sie um die vier Prozent. Holland geht es nicht besser, mit fünf Prozent belegt es 2001 den Spitzenplatz der Inflationsliga.

Kleine Länder sind gewissermaßen die Opfer der Europäischen Währungsunion. Anfang 1999 begann die Europäische Zentralbank (EZB), eine einheitliche Geldpolitik für alle elf Euro-Länder zu betreiben. Fortan orientierten sich die Leitzinsen vor allem am Geldwert, dem Konjunkturzyklus und der Wirtschaftsstruktur der großen Volkswirtschaften Frankreich, Italien und Deutschland. Die aber wachsen derzeit nur schwach - und legen auf niedrige Zinsen Wert. Solange sich die Wachstumsraten der Teilnehmerländer nicht stärker annähern, werden die Kleinen also die Verlierer sein. Die Folge: In Irland, das seit Jahren mit Zuwachsraten von bis zu zehn Prozent brummt, droht die Wirtschaft zu überhitzen. Einen Wechselkurs-Mechanismus, der für eine Aufwertung des Pfundes und eine Verteuerung der Produkte sorgen könnte, gibt es nicht mehr.

Beim Start des Euro hatten die Experten noch darauf gehofft, dass sich dieses Problem eines Tages von selbst lösen würde. Das Gegenteil ist eingtreten - Inflation und Wachstum in der Euro-Zone weichen noch stärker voneinander ab als Anfang 1999.

Die Großen brauchen die Unterschiede nicht zu kümmern. Steigen die Preise in Irland um fünf Prozent, erhöht sich der Preis-Index der gesamten Euro-Zone lediglich um 0,05 Prozentpunkte. Umgekehrt geht es schlimm aus für die Iren: Ein fünfprozentiger Preisaufschlag in Deutschland würde die Inflationsrate um immerhin 1,73 Prozentpunkte nach oben treiben.

Fachleute finden das Problem dennoch nur mäßig schlimm. "Vor der Euro-Einführung mussten die Zentralbanken der kleinen Staaten nicht der EZB, sondern der Bundesbank folgen - das Ergebnis war das gleiche", sagt der Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger. "Obendrein mussten sie sich noch der Attacken von Zockern erwehren, die gegen ihre Währung spekulierten." Dem Euro insgesamt schaden die Differenzen nicht, sagt der Bonner Ökonom Manfred J.M. Neumann. "Zu Zeiten der Bundesbank hat es für Schleswig-Holstein oder das Saarland auch keine gesonderte Zinspolitik gegeben. Funktioniert hat die D-Mark trotzdem."

Länder wie Irland, Holland, Spanien oder Luxemburg sind nun auf sich allein gestellt. "Die können selber sehen, wie sie ihr Inflationsproblem lösen", konstatiert Hans-Eckart Scharrer, Vizepräsident des Hamburger HWWA-Wirtschaftsforschungsinstituts. Denn eine gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik, die zu einer einheitlichen Konjunktur führen könnte, ist noch nicht in Sicht. Das funktioniert vor allem über die Fiskalpolitik - die Länder müssen versuchen, mit behutsamen Steuersenkungen und -anhebungen die Wirtschaft im Zaum zu halten. Das klappt nicht immer: Als die Iren in diesem Jahr trotz des Booms die Steuern senken wollten, um keine inflationstreibenden Lohnerhöhungen zu provozieren, mahnte die Brüsseler EU-Kommission sie ab. In einem Blauen Brief beschied sie den Iren, eine unsolide Finanzpolitik zu betreiben - lieber sollten sie ihr Staatsdefizit abbauen. Die kleinen Länder sind also von zwei Seiten in der Klemme: Zum einen setzt ihnen die EZB-Zinspolitik zu, zum anderen die Stabilitätsvorschriften aus Brüssel. "Wahrscheinlich ist es einfacher, den Stein der Weisen zu finden, als einen geldpolitischen Mantel zu schneidern, der allen passt", glaubt der Ökonom und erklärte Euro-Gegner Joachim Starbatty.

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