Wirtschaft : Euro: Italien: Das Rechnen mit zu großen Beträgen macht die Köpfe träge

Thomas de Padova

Italienische Kinder haben Mühe mit dem Großen Einmaleins. Aber kaum haben sie ihren Schulranzen aufgesetzt, da drückt ihnen die Mama 2000 Lire für den Einkauf in die Hand. Eine Packung Spaghetti und eine Dose passierte Tomaten! 2000 Lire! Der Grundschüler betrachtet die Preisschilder, schaut erst auf die Nudeln, 850 Lire, dann auf die Salsa, 750. Und während er in der Schlange an der Kasse langsam vorrückt, versucht er verzweifelt auszurechnen, ob er für das Wechselgeld noch einen Lutscher bekommen kann. Im Frontal- und Parietallappen seines Gehirns klingeln sämtliche Neuronen. Die Preisschilder zwängen sich durch den Gyrus angularius bis zu jener Hirnregion, in der unser Sinn für große Zahlen verborgen liegt. Sie kreisen bereits zum wiederholten Male in der posterioren Windung, als plötzlich die Verkäuferin dem hoch konzentrierten Bub den 2000-Lire-Schein aus der Hand nimmt und ihm drei Münzen zurückgibt. Er schaut nur noch ungläubig drein - und vergisst prompt den Lutscher.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Italien, was hast Du Deinen Kindern all die Jahre angetan! Spät, aber entschlossen schreitet nun die Europäische Gemeinschaft ein. Niemand soll künftig mehr beim alltäglichen Einkaufsbummel in Tausenden und Zehntausenden rechnen müssen. Auch der Kauf eines normalen Tischcomputers geht von Januar an nicht mehr in die Millionen. Die Lira wird zum Segen einer ganzen Nation abgeschafft. Der Bruch könnte radikaler kaum sein. Die mit den Jahren abgemagerte Lira ist heute 0,00052 Euro wert. Ein klägliches Zahlenverhältnis. Wer künftig in Italien mit Euro-Münzen einkauft, wird kaum von der neuen Währung in die alte umrechnen können, um zu prüfen, ob ein Artikel preiswert ist. Die Italiener werden die neuen Preise einfach hinnehmen müssen. Und sie werden ihre Lira daher schneller vergessen als die Deutschen ihre D-Mark.

Sie werden die neue Währung sogar recht bald ungemein praktisch finden. Denn die Zeit, da sie ihre Tausend-Lire-Geldnoten mit roten Gummibändchen bündeln mussten, um für den Tag gewappnet zu sein, ist nun um. Die neuen Scheine lassen sich mühelos in die ausgebeulten italienischen Portemonnaies einsortieren. Auch das Wirrwarr mit den Geldmünzen findet ein Ende. Derzeit kursieren in Italien allein drei verschiedene 100-Lire-Münzen unterschiedlichster Größe. Neben der kleinsten von ihnen nimmt sich selbst der Pfennig wie ein Riese aus. Mit den Fingern ist solches Spielgeld kaum mehr zu fassen. Andere bekannte Widrigkeiten wie das mysteriöse Verschwinden der Gettoni, der Telefonmünzen, oder mitunter des gesamten Kleingeldes seien hier nur am Rande erwähnt.

Unser Augenmerk gilt vielmehr der bevorstehenden geistigen Befreiung Italiens. Sie entspringt dem natürlichen Verhältnis des Italieners zu Zahlen. Dieses Gefühl für Zahlen ist tief im Gehirn verankert. Die Evolution habe die Arithmetik in unsere Gene eingeschrieben, versichert uns der Mathematiker Stanislas Dehaene. Und daher konnte sich auch der Zahlensinn des Italieners der galoppierenden Inflation keinesfalls mühelos anpassen. Die Zahl Zwei etwa kommt in der italienischen Sprache deutlich häufiger vor als die Drei. Wie in allen Sprachen, so nimmt auch in Italien, der Inflation zum Trotze, die Häufigkeit gesprochener Zahlen mit ihrer Größe ab. Je größer eine Zahl ist, desto unschärfer sei auch unsere mentale Repräsentation der Zahl, schließt der französische Mathematiker Dehaene aus Experimenten der Hirnforschung. Und umso weniger halten wir es dann für nötig, die genaue Zahl anzugeben.

Für die Währungsumstellung hat diese Betrachtung weit reichende Konsequenzen. Der Umgang mit dem Euro dürfte den Italienern schon nach kurzer Zeit viel leichter fallen als der mit der Lira. Wegen der beschriebenen Schwierigkeiten, mit großen Zahlen zu jonglieren, wird die Einführung des Euro allerorten geistige Kapazitäten freisetzen, die vorher an riesige Summen gebunden waren. Die italienischen Behörden werden wohl auch mit großen Geldbeträgen wieder besser haushalten, wenn die naturgegebene Schlamperei mit allzu großen Zahlen aufhört. Der Euro bringt Italien wieder mit den Zahlen in Einklang. Und mit einer Außenwelt, in der Millionenstädte zu recht als riesig und Millionäre als reich gelten. Heute noch ist in Italien jeder ein Millionär, der unter der Matratze ein Bündel Geldlappen liegen hat. Ab morgen muss die Weltwirtschaft wieder mit den Italienern rechnen.

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