Wirtschaft : Euro: Keine Preissenkungen durch den Euro

msh

In Deutschland wird es nach der Euro-Einführung nicht zu nennenswerten Preissenkungen kommen. "Deutschland hat im europäischen Vergleich das niedrigste Preisniveau. Eine Senkung der Preise im Einzelhandel ist da nicht drin", sagte Hermann Franzen, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), dem Tagesspiegel. Finanzminister Hans Eichel sagte am Mittwoch, viele Produkte werden nach der Einführung des Euros billiger.

Eichel begründete die absehbaren Preissenkungen mit einem schärferen Wettbewerb in der Euro-Zone und einer besseren Vergleichbarkeit der Preise. Dem widersprachen Handelsverbände und Unternehmen. "In Deutschland ist der Preiswettbewerb in vielen Branchen sehr hart. Da kann sich kaum ein Einzelhändler Nachlässe leisten", sagte Franzen. Nur bei wenigen Produkten wie Autos oder bestimmten Markenartikeln lägen die Preise in Deutschland über dem europäischen Durchschnitt.

Insbesondere im Lebensmittelhandel sind die Margen in Deutschland bescheiden. "In Deutschland bleibt den Händlern eine Mark Gewinn von hundert Mark Umsatz. In Frankreich oder Großbritannien sind es fünf bis sechs Mark", sagt Franzen. Viele Unternehmen rechnen sogar mit einem steigenden Preisniveau. "Der europäische Markt wird durch den Euro transparenter. Da wird es in Deutschland zu einer Anpassung nach oben kommen", sagt Rolf Sauerbier, Sprecher von Kraft Foods Deutschland.

Trotzdem wollen einige Discounter die Einführung des Euros offenbar für Werbekampagnen nutzen. Die Lebensmittelkette Plus kündigte an, im Januar bei rund 250 Artikeln die Preise zu senken und keinen Preis zu erhöhen. Auch Marktführer Aldi plant nach einem Bericht der Lebensmittel-Zeitung, sämtliche Preise im Zuge der Euro-Umstellung abzurunden. Aldi lehnte eine Stellungnahme ab.

Das Statistische Bundesamt und die Verbraucherzentralen beobachten dagegen schon seit Monaten einen Anstieg der Preise im Vorfeld der Umstellung auf die neue Gemeinschaftswährung. Sie untersuchen seit Mitte des Jahres die Preisentwicklung zahlreicher Produkte. Bei rund 16 Prozent kam es zu "euro-induzierten" Preisänderungen von bis zu 40 Prozent. So stieg der Preis für einen Deoroller von Nivea von 2,95 Mark (1,51 Euro) im Juni auf 3,69 Mark (1,89 Euro) im Dezember - ein Anstieg von 25 Prozent. "Viele Händler passen die Preise so an, dass sie wieder ins Preisgefüge passen", sagt Karin Kuchelmeister, Euro-Expertin des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Dabei werde darauf geachtet, dass nach der Umrechnung in Euro wieder ein Schwellenpreis wie 1,99 Euro erreicht werde.

Für die Verbraucher besonders schwierig zu erkennen sind Veränderungen von Packungsgrößen und Inhaltsmengen, die mit der Umstellung auf das neue Währungssystem einhergehen. So machten leichtere Marmeladengläser und kleinere Zahnpastatuben von sich reden. "Das sind Preiserhöhungen durch die Hintertür. Die Kunden gucken in erster Linie auf den Preis", sagt Kuchelmeister. Doch die Hersteller wiegeln ab und behaupten, dass kein Zusammenhang zur Umstellung auf den Euro bestehe. Die Verbraucher sollten daher auf die Grundpreisangaben achten, die auf den Verpackungen stehen.

Nach Ansicht von HDE-Präsident Franzen nehmen die Hersteller Mengenanpassungen nur vor, um wieder in die Nähe eines Schwellenpreises zu kommen. Die Kosten des Einzelhandels für die Einführung des Euro schätzt Franzen auf sechs bis acht Milliarden Mark. "Den Schwung aus dem überraschend guten Weihnachtsgeschäft werden wir nicht ins neue Jahr mitnehmen können", sagt Franzen. "Dann müssen wir mit der schlechten Konjunktur fertig werden." Der HDE rechnet 2002 mit einem Umsatzrückgang um real 0,25 Prozent.

Steuererhöhungen, Arbeitslosigkeit und steigende Preise bei anderen Gütern wie Energie oder Wohnen machen es dem Einzelhandel schwer. Nach Schätzung des HDE steht der Branche im kommenden Jahr ein Arbeitsplatzabbau von rund 11 000 der 2,8 Millionen Stellen bevor. Wegen des härteren Wettbewerbs könnten bis zu 5000 Geschäfte geschlossen werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar